Wessen Sohn war Jesus aus Nazaret?

Im ersten Kapitel des Matthäus-Evangeliums will der Autor die Herkunft des Mannes aus Nazaret klären. Über seinen Stiefvater Josef sei Jesus ein legitimer Nachkomme der israelischen Königsdynastie. Das Problem: Im Lukas-Evangelium finden wir einen ganz anderen Stammbaum. Und außerdem: War Jesus nicht Sohn einer Jungfrau? Was kümmern uns da Josefs Vorfahren?

Antike Ahnenforschung

Ein Haupt-Aspekt des Matthäus-Evangeliums ist es, Jesus als Sohn Davids, des Königs von Israel, zu präsentieren. Sohn (hebr. בן „ben“) meint hier so viel wie Nachkomme; im hebräischen Sprachgebrauch hat das Wort eine offenere Bedeutung. Der Stammbaum Jesu im Matthäus-Evangelium verknüpft den König David durch die Formulierung „X zeugte Y“ mit Josef. Damit wird eindeutig die biologische Verwandtschaft ausgedrückt; wir haben es also mit Josefs Genealogie zu tun. Am entscheidenden Punkt jedoch wird die Formulierung „Josef zeugte Jesus“ durch geschickte Wortwahl umgangen. Man lese aufmerksam:

„Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak, Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder, [… es folgen 8 Generationen …] Isai aber zeugte David, den König, David aber zeugte Salomo von der [Frau] des Uria, Salomo aber zeugte Rehabeam, [… es folgen 10 Generationen …] Josia aber zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der Wegführung nach Babylon. Nach der Wegführung nach Babylon aber zeugte Jojachin Schealtiël, Schealtiël aber zeugte Serubbabel, [… es folgen 7 Generationen …] Mattan aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Josef, den Mann Marias, von welcher Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird. So sind nun alle Geschlechter von Abraham bis auf David vierzehn Geschlechter und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Geschlechter und von der Wegführung nach Babylon bis auf den Christus vierzehn Geschlechter.“

Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1,6-17 (ELB)

Für die Anerkennung der Königswürde war es scheinbar ausreichend, dass Jesus von Josef als Sohn angenommen bzw. adoptiert wurde. Das wird auch aus anderen antiken Quellen klar; beispielsweise war der römische Kaiser Augustus ein Adoptivsohn des Julius Cäsar. Jedoch gibt es auf einer ganz anderen Ebene ein Problem mit der Legitimation dieses Stammbaums. Denn einer der Könige Israels, Jojachin (der auch Jechonja oder Konja genannt wurde) ist aufgrund seines üblen Lebenswandels (2. Könige 24,9) von Gott verflucht worden. Der Prophet Jeremia hatte dem König folgendes Urteil übermittelt:

„So wahr ich lebe, spricht der HERR, wenn auch Konja, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring an meiner rechten Hand wäre, würde ich dich doch von dort wegreißen. […] Schreibt diesen Mann auf als kinderlos, als einen Mann, dem nichts gelingt in seinen Tagen! Denn von seinen Nachkommen wird es nicht einem gelingen, auf dem Thron Davids zu sitzen und weiterhin über Juda zu herrschen.“

Prophet Jeremia, Kapitel 22, 24-30 (ELB)

Die Königslinie war demnach – zumindest aus theologisch-prophetischer Sicht – von Jojachin bis hinab zu Josef verflucht! Das bedeutet: Wäre Jesus ein biologischer Nachkomme Josefs, hätte sein Anspruch auf das Königtum ganz einfach entkräftet werden können. Wenn aber Jesus genetisch nicht von Josef abstammt, wie kann er dann Nachkomme bzw. Sohn Davids genannt werden?

Es gibt eine verblüffend einfache Erklärung dafür, die gleichzeitig ein anderes Problem der Bibel-Auslegung behebt: Mirjam (Maria) war auch eine Nachfahrin des Königs David. Und es ist Mirjam’s Stammbaum, den wir im Lukas-Evangelium vorfinden. Schon viel wurde gerätselt, wie man die beiden grundverschiedenen Jesus-Stammbäume bei Matthäus und Lukas in Übereinstimmung bringen kann. Die Unterschiede erklären sich von selbst, wenn einer der Stammbäume zu Mirjam gehört. Im Lukas-Evangelium wird die Abstammung Jesu auf Adam und damit auf Gott selbst zurückgeführt, und zwar in umgekehrter Reihenfolge:

„Und er selbst, Jesus, war ungefähr dreißig Jahre alt, als er auftrat, und war, wie man meinte, ein Sohn des Josef, des Eli, des Mattat, [ … es folgen 37 Generationen …] des Nathan, des David, des Isai, [… es folgen 9 Generationen …] des Juda, des Jakob, des Isaak, des Abraham, des Terach, [… es folgen 17 Generationen …] des Set, des Adam, des Gottes.“

Evangelium nach Lukas, Kapitel 3, 23-38 (ELB)

Auch hier wird das Mysterium um Jesu Herkunft festgehalten: Man meinte nur, er sei ein Sohn Josefs. Aber wie kann das Mirjam’s Abstammungslinie sein, wenn Josefs Name genannt wird? Nun, in antiken Stammbäumen war es unüblich, dass Frauen erwähnt werden. So leid es mir tut, meine Damen: Es ist gut möglich, dass Josefs Name hier stellvertretend für seine Frau steht. Davon abgesehen war Josef wirklich ein Sohn Elis – nämlich sein Schwiegersohn. (Ja, das hebräische Wort für Sohn kann viel bedeuten!) Sollte das wirklich Mirjam’s Genealogie sein, so entstammt sie der königlichen Linie über Nathan, einem älteren Sohn des Königs David. Josef hingegen ist ein Nachfahre des jüngsten Davidssohnes Salomo.

Der Überlieferung zufolge war der Evangelist Lukas von Beruf Arzt (Eusebius, Kirchengeschichte, Buch III, 4,6; vgl. Kolosser 4,14). Er betont in seinem Werk besonders die menschliche Seite Jesu. Dass er die biologische Abstammung über Mirjam angibt, erscheint fast zwangsläufig. Matthäus hingegen untermauert Jesu Anspruch auf das Königtum und verfolgt somit gemäß des Erbrechts die väterliche Linie. Dass gerade Mirjam und Josef zusammenfanden und von ihnen ein leiblicher Nachkomme Davids geboren werden konnte, der gleichzeitig den Fluch über Jojachin umgeht, ist ein ausgesprochener Glücksfall. Oder steht hier ein ausgeklügelter Plan im Hintergrund …?

Die Sache mit der Jungfrau

Wir haben gesehen, dass Jesus aufgrund des Fluchs über König Jojachin eigentlich kein leiblicher Nachkomme Josefs gewesen sein darf. Könnte das ein Grund dafür sein, warum gerade Matthäus so viel Wert darauf legt, dass Mirjam noch eine Jungfrau war, als sie mit Jesus schwanger wurde? Die Jungfrauen-Geburt wird zwar auch in Lukas 1,34 erwähnt, aber bei weitem nicht so prägnant (haha, Wortwitz …) wie bei Matthäus, der direkt im Anschluss an das Geschlechtsregister unmissverständlich bezeugt:

„Mit dem Ursprung Jesu Christi verhielt es sich aber so: Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger befunden von dem Heiligen Geist. […] Dies alles geschah aber, damit erfüllt wurde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: ‚Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen‘, was übersetzt ist: Gott mit uns.“

Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1, 18-23 (ELB)

Um seinen Standpunkt zu bekräftigen, zitiert Matthäus sogar den Propheten Jesaja, und es lohnt sich, dessen Worte einmal im ursprünglichen Kontext zu lesen. Damals, um 730 v. Chr., war Israel in ein Nord- und Südreich geteilt. Im Süden regierte Ahas, ein Nachkomme Davids zu Jerusalem, während im Norden König Pekach in der Hauptstadt Samaria herrschte. Nun rüstete Pekach zum Krieg gegen seinen südlichen Volksgenossen und verbündete sich dazu mit dem König von Damaskus. Als die Heere hinaufgezogen waren und das ganze Südreich vor Angst erzitterte, trat Jesaja vor den König Ahas und versicherte ihm, dass Gott eine Eroberung Jerusalems nicht zulassen würde. Scheinbar traute Ahas im Angesicht des übermächtigen Feindes dem Propheten nicht, worauf dieser die denkwürdigen Worte hinzufügte: „Glaubt ihr nicht, dann bleibt ihr nicht“ (Jesaja 7,9). Daraufhin trat Jesaja erneut an Ahas heran und gewährte ihm, ein Zeichen von Gott einzufordern – als Beweis dafür, dass er es ernst meinte. Der König lehnte ab, mit dem etwas scheinheiligen Argument, dass er den Allmächtigen nicht versuchen wolle. Dem entgegnete der Prophet:

„Hört doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr auch meinen Gott ermüdet? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen. Rahm und Honig wird er essen, bis er weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Denn ehe der Junge weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dir graut.“

Prophet Jesaja, Kapitel 7, 13-16 (ELB)

Der kleine Emmanuel sollte also ein Indikator sein, an dem man die Zeit bis zur Vernichtung der feindlichen Königreiche Samaria und Damaskus abschätzen konnte. Diese Prophezeiung ist damals in Erfüllung gegangen, denn im Jahr 722 v. Chr. verwüstete die Streitmacht des assyrischen Königs Salmanassar das Nordreich Israel (2. Könige 17,6), wodurch das Südreich – vorläufig – gerettet war.

Aber was war eigentlich das Entscheidende an dem Zeichen für König Ahas? War es die Jungfrauengeburt oder der Name des Kindes? Oder beides? Beim Studium des Propheten-Buches fällt auf, dass Jesaja selbst mindestens zwei Söhne hatte, deren kuriose Namen als Zeichen für Israel dienten: Sein älterer Sohn hieß Schear-Jaschub (Jesaja 7,3), das bedeutet „ein Rest kehrt um“. Sein jüngerer Sohn wurde scheinbar kurz nach dem Ausspruch der Jungfrau-Prophezeiung geboren und hieß Maher-Schalal Chasch-Bas, was sich mit „Schnell-Raub Eile-Beute“ übersetzen lässt. Darüber berichtet Jesaja:

„Und ich nahte der Prophetin, und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Und der HERR sprach zu mir: Gib ihm den Namen: ‚Schnell-Raub Eile-Beute‘! Denn ehe der Junge zu rufen versteht: ‚Mein Vater!‘, und: ‚Meine Mutter!‘, wird man den Reichtum von Damaskus und die Beute von Samaria vor dem König von Assur hertragen.“

Prophet Jesaja, Kapitel 8, 3-4 (ELB)

Es ist schon spannend, dass hier die gleiche Formulierung verwendet wird, wie in der Prophezeiung über Immanuel: „Noch ehe der Junge dies oder jenes kann, wird dies oder jenes geschehen“. Bei den hebräischen Propheten war es wohl gängige Praxis, die eigene Gottesbotschaft durch die Benennung der Kinder zu betonen (vgl. Hosea 1,4-9). Aber hätte sich König Ahas davon wirklich beeindrucken lassen? Wahrscheinlich nicht. Es brauchte also zwingend die Geburt von einer Jungfrau, um daran Gottes Beistand zu erkennen.

Der Pharisäer Nikodemus und Maria von Magdala in der TV-Serie „The Chosen“ von Dallas Jenkins. Obwohl beide mit Sicherheit keine Jungfrauen mehr sind, repräsentieren sie die „Jungfrau Israel“ als Nation.

Häufig wird argumentiert, dass das im obigen Zitat verwendete, hebräische Wort עלמה (‘alma) in der Bibel eigentlich junge Frau bedeutet. Das korrekte Wort für Jungfrau sei בתולה (betula). Tatsächlich werden beide Worte austauschbar verwendet und bezeichnen einfach eine Frau im heiratsfähigen Alter – und das waren in der Antike normalerweise Jungfrauen. Wenn in anderen Bibeltexten von einer ‘alma die Rede ist, handelt es sich entweder eindeutig um eine Jungfrau (Genesis 24,43; Exodus 2,8), oder diese Bedeutung ist zumindest wahrscheinlich (Sprüche 30,19; Hohelied 1,3; 6,8). Dagegen braucht es bei betula manchmal die zusätzliche Erklärung, dass es sich um ein unberührtes Mädchen handelt (Genesis 24,16). Dieser Befund weist eher darauf hin, dass (zumindest im biblischen Rahmen) betula die allgemeinere Bezeichnung für eine heiratsfähige Jungfrau ist, und ‘alma ein leicht spezifischerer Begriff, wenn die Jungfräulichkeit betont werden soll.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Gott sein auserwähltes Volk häufig „Jungfrau Israel“ oder „Jungfrau, Tochter Zion“ nennt (z. B. Jeremia 18,13; 2. Könige 19,21; Jesaja 37,22). In diesen Fällen wird immer das Wort betula verwendet. Im obigen Jesaja-Zitat steht aber ‘alma, was zeigt, dass nicht etwa Israel, sondern eine individuelle Frau gemeint ist.

Dass das Zeichen für König Ahas auch im antiken Judentum als Jungfrauengeburt verstanden wurde, lässt sich elegant nachweisen: Die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die sogenannte Septuaginta, verwendet in Jesaja 7,14 das eindeutige Wort parthenos, das nur Jungfrau bedeuten kann. Das Werk wurde zwischen 250 und 100 v. Chr. von jüdischen Gelehrten erstellt und ist daher frei von christlichem „Wunschdenken“.

Erfüllung des Prophetenwortes

So weit, so gut. Jesaja meinte wirklich, dass eine Jungfrau schwanger wird. Aber seine Prophezeiung hatte einen ganz klaren Bezug zu einem historischen Ereignis und ist damals in Erfüllung gegangen. Wie kommt es, dass Matthäus diese Stelle nun so brutal aus dem Zusammenhang reißt und auf die Geburt Jesu anwendet? Darf der das? Und warum wurde Jesus dann nicht Immanuel genannt, obwohl die Prophezeiung genau das sagt?

Dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, war Matthäus und Lukas zur Zeit der Abfassung der Evangelien ziemlich klar. Gut möglich, dass sie ihre Informationen direkt von Mirjam hatten, oder Jesus selbst hatte es einmal erwähnt. Jedenfalls konnten sie kaum aus dem Jesaja-Text herleiten, dass Jesus der Sohn einer Jungfrau gewesen sein muss. Es gibt viele Prophezeiungen, deren einzige Absicht von vornherein ist, auf den Messias, den Erlöser Israels hinweisen. Die sind dann aber auch so formuliert und wurden von den Rabbinern so verstanden. Ein Beispiel sind die berühmten Gottesknecht-Lieder im Jesaja-Buch: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln …“ (Jesaja 52,13). Der Text mit der Jungfrauen-Geburt ist aber keine messianische Prophezeiung, sondern konnte nur rückblickend als Analogie verstanden werden.

Was meint Matthäus überhaupt, wenn er schreibt, dass die Geburt Jesu geschah, „damit erfüllt wurde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten“? Ich glaube nicht, dass er meinte, hier gäbe es noch eine offene Prophezeiung, die nun wortwörtlich mit Jesus erfüllt wurde. Viel mehr scheint er sagen zu wollen: Die volle Bedeutung der Jungfrauengeburt zur Zeit des Ahas können wir erst mit Jesus richtig erfassen. Damals wollte Gott zeigen: Ich bin mit euch; ich bewahre euch vor den Heeren von Samaria und Damaskus. Aber durch Jesus zeigt Gott noch allgemeiner und klarer: Ich will alle Menschen retten. Matthäus schrieb: „Sie werden seinen Namen Emmanuel nennen‘, was übersetzt ist: Gott mit uns“. Der Fokus liegt nicht auf dem konkreten Namen Immanuel, sondern auf der dahinterstehenden Idee: So wie Gott zur Zeit des Immanuel mit uns war, ist er nun durch Jesus mit uns.