Wer tötete den Riesen Goliat?

Die Bibel ist das Wort Gottes, deshalb ist sie in sich absolut stimmig und widerspruchsfrei – oder? Ja, natürlich. Und nein. Anhand einer berühmten Geschichte möchte ich zeigen, dass die Dinge leider etwas komplizierter sind. Es ist das berühmte Duell zwischen dem Hirtenjungen David und dem Refaiter Goliat, von dem das 1. Buch Samuel berichtet:

„Da trat aus dem Lager der Philister ein Vorkämpfer hervor mit Namen Goliath, aus Gat; der war sechs Ellen und eine Spanne groß […] und der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum, […] Und es geschah, als sich der Philister aufmachte und daherkam und sich David näherte, da eilte David und lief der Schlachtreihe entgegen, auf den Philister zu. Und David streckte seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein heraus; und er schleuderte und traf den Philister an seine Stirn, so daß der Stein in seine Stirn drang und er auf sein Angesicht zur Erde fiel. So überwand David den Philister mit der Schleuder und mit dem Stein, und er erschlug den Philister und tötete ihn.“

1. Buch Samuel, Kapitel 17, 4-50 (Schlachter-Übersetzung)

Die Geschichte zählt heute wahrscheinlich zu den Bekanntesten der Bibel – aber stimmt sie auch? Aufmerksame Bibel-Leser haben nämlich festgestellt, dass im 2. Buch Samuel der Tod des Goliat aus Gat etwas anders dargestellt wird:

„Und es erhob sich noch ein Kampf mit den Philistern bei Gob. Da erschlug Elchanan, der Sohn des Jaare-Orgim, ein Bethlehemiter, den Goliath, den Gatiter; und dieser hatte einen Speer, dessen Schaft wie ein Weberbaum war.“

2. Buch Samuel, Kapitel 21,19 (Schlachter-Übersetzung)

Wem gebührt nun der Ruhm, den Riesen getötet zu haben – David oder Elchanan? Die Angelegenheit ist umso merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass das 1. und 2. Buch Samuel ursprünglich eine Einheit bildete. Samuel wird doch am Ende seines Buches nicht vergessen haben, was er am Anfang geschrieben hat?

Zwei Goliats aus Gat?

Um den Widerspruch aufzulösen, wurden schon viele mehr oder weniger zufriedenstellende Erklärungen gegeben. Man hat vermutet, dass es zwei Riesen Goliat gegeben hat, beide aus der Stadt Gat und beide mit einem Speer, „dessen Schaft wie ein Weberbaum war“. Aber das ist nun wirklich extrem unwahrscheinlich.

Ein wenig plausibler klingt da schon die Idee, dass Goliat kein Eigenname, sondern ein Titel gewesen sein könnte. Dafür gibt es allerdings keinen einzigen Hinweis. In verschiedenen Namens-Lexika wird zwar für Goliat die Bedeutung „der Glänzende“ angegeben, was schon ein Titel gewesen sein könnte. Aber das funktioniert nur, wenn man den Namen auf eine hebräische Wortwurzel zurückführt. Soweit wir wissen, ist Goliat aber kein hebräischer Name, nicht mal ein semitischer, sondern wahrscheinlich ein Indo-europäischer.

Ist David Elchanan?

Eine zweite Erklärung besagt, dass Elchanan ein anderer Name für David war, wie auch Salomo mehrere Namen hatte (2. Samuel 12, 24+25). Dafür spricht, dass Elchanan ein „Bethlehemiter“ genannt wird, und David ebenfalls aus Bethlehem stammt. Jedoch wird Elchanan „Sohn des Jaare-Orgim“ genannt, Davids Vater hieß aber Isai (1. Samuel, 16,19). Außerdem steht die Heldentat des Elchanan im Kontext einer Auflistung der Kämpfe gegen vier Riesen, den „Söhnen des Rapha“, die alle von David bzw. seinen Kriegern erschlagen wurden. Schon beim ersten Riesen (Ischbi-Benob) zeigte sich David aber keineswegs als der strahlende Held unserer Kindheitsgeschichten. Der Bibeltext berichtet nüchtern:

„David aber wurde müde. Ischbi-Benob aber, einer der Söhne des Rapha, […] sagte, er wolle David erschlagen. Und Abisai, der Sohn der Zeruja, half [David] und schlug den Philister tot. Damals schworen die Männer Davids ihm und sprachen: Du sollst nicht mehr mit uns zum Krieg ausziehen, damit du die Leuchte Israels nicht auslöschst!“

2. Buch Samuel, Kapitel 21,15-17 (Schlachter-Übersetzung)

David muss zu diesem Zeitpunkt bereits in fortgeschrittenem Alter gewesen sein. Fortan sollte er nicht mehr in den Krieg ziehen, denn als König war er das Aushängeschild und die Hoffnung (die „Leuchte“) Israels. Sie wollten nicht riskieren, dass er im Kampf fällt. Der Bibeltext bezeugt also schon selbst, dass David beim Kampf gegen den zweiten, dritten und vierten Riesen gar nicht anwesend war! Die Erklärung, dass David Elchanan ist, überzeugt also auch nicht gerade.

Lachmi, der Bruder des Goliat

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Durch den Vergleich mit einem anderen Bibelbuch wird deutlich, dass im 2. Buch Samuel ganz einfach ein Abschreibfehler vorliegt. Denn die Chronik der Könige Israels überliefert Folgendes:

„Und es kam nochmals zum Kampf mit den Philistern. Da erschlug Elchanan, der Sohn Jairs, den Lachmi, den Bruder Goliaths, den Gatiter, dessen Speerschaft wie ein Weberbaum war.“

1. Buch der Chronik, Kapitel 20,5 (Schlachter-Übersetzung)

Das ist meines Erachtens die korrekte Antwort: Elchanan tötete nicht Goliat, sondern dessen Bruder! Das bedeutet, im Prozess des Abschreibens war das Manuskript des 2. Samuel-Buches an dieser Stelle beschädigt oder undeutlich. Genau genommen sind es sogar drei Fehler, die sich im hebräischen Originaltext rekonstruieren lassen. Der Alttestamentler Gleason Leonard Archer hat das in seiner „Encyclopedia of Bible Difficulties“ (1982) auf Seite 179 getan:

  • Erstens: Das Zeichen des direkten Objekts, das in der Chronik direkt vor dem Namen „Lachmi“ kommt, ist „-et“ (את). Der Abschreiber muss es mit „bet“ (בית) verwechselt haben und heraus kam „Bet ha-Lachmi“, nämlich „der Bethlechemiter“.
  • Zweitens: Im Text der Chronik steht direkt vor dem Namen „Goliat“ das Wort für „Bruder“, nämlich „achi“ (אחי). Das wurde fälschlicherweise als Zeichen des direkten Objekts gelesen, nämlich „-et“ (את), also das gleiche Zeichen, das zuvor beim Namen Lachmi richtig gewesen wäre! Damit wurde Goliat zum Objekt des Verbs „getötet“, während sein „Bruder“ gar nicht mehr auftaucht.
  • Drittens: Der letzte Fehler bezieht sich auf den Vater des Elchanan. Der Chronik-Text nennt ihn „Ja’ur“ und erwähnt die Namensvariation „Ja’ir“, die von den meisten deutschen Bibelübersetzungen verwendet wird. Im 2. Buch Samuel wird er stattdessen „Ja’re-Orgim“ genannt, was ungefähr „Wald der Weber“ bedeutet, ein höchst ungewöhnlicher Name. Der Namenszusatz „Orgim“ muss hier wohl unbeabsichtigt hineingerutscht sein. Denn am Ende des Satzes steht in Bezug auf Goliats Waffe ebenfalls „orgim“, hier aber zusammen mit „kimnor“, das bedeutet „wie ein Weberbaum“, was absolut Sinn ergibt. Das heißt, der Name von Elchanans Vater müsste nur „Ja’re“ (יערי) lauten, und das ist ebenfalls eine Namensvariation von „Ja’ir“ (יעור).

Ich habe die Problematik einmal als Interlinear-Übersetzung dargestellt. Beachte, dass Hebräisch von rechts nach links gelesen wird:

Elchanan war also nicht aus Betlechem, sondern tötete einen Mann namens Lachmi. Er tötete nicht „den Goliat“, sondern „Goliats Bruder“. Und sein Vater hieß nicht „Ja’ir-Weber“, sondern einfach nur „Ja’ir“. Ich würde das nicht als Widerspruch in der Bibel bezeichnen, sondern als Abschreibfehler, der sich noch dazu durch einen innerbiblischen Vergleich korrigieren lässt.

Der historisch-kritische Bulldozer

In der historisch-kritischen Bibelwissenschaft geht man noch einen Schritt weiter. Relativ wahrscheinlich ist, dass das Samuel-Buch auf mehrere, individuelle Überlieferungen zurückgeht, die zu einem bestimmten Zeitpunkt (um 700 v. Chr.?) gesammelt wurden. Wir wissen das, weil die zugrundeliegenden Manuskripte des Samuel-Buches (Qumran-Texte, Septuaginta, Masoretischer Text) an relativ vielen Stellen nicht ganz einheitlich sind. Eine gute Erklärung dafür wären verschiedene, unabhängige Erzähl-Traditionen.

Nun ist die Überlegung, dass 2. Samuel 21,15-22 (die Heldentaten der Krieger Davids) den ursprünglichen, historischen Kontext der Riesentöter-Geschichte darstellt. Die Siege von Elchanan und den anderen Helden Davids über die vier Söhne des Rafa müssen weithin bekannt gewesen sein. Ein späterer Schreiber zehrte dann aus dieser „Volkssage“ und baute den Namen Goliat aus Gat in die Erzählung von 1. Samuel 17 (Davids Steinschleuder-Heldentat) anachronistisch ein, um den König Israels post mortem zu würdigen. Als zuletzt die Chronik Israels verfasst wurde, erkannte man den Widerspruch der beiden Samuel-Stellen und deklassierte kurzerhand Elchanans Auftritt, der fortan nur noch Goliats Bruder auf sein Tote-Philister-Konto verbuchen durfte.

Nun ja, was soll ich sagen. Ich bin schon ein Freund der historisch-kritischen Methode, aber ist das nicht etwas über das Ziel hinausgeschossen? Warum solch komplizierte Annahmen, wenn sich die Entstehung dieses speziellen Textproblems auch natürlicher erklären lässt? Dem Text mögen durchaus mehrere individuelle Samuel/David-Traditionen zugrunde liegen, aber eine derart wilde End-Komposition muss man deshalb nicht annehmen.

Ausblick

Verblüffend ist, dass alle bekannten deutschen Bibel-Übersetzungen den falschen Text aus 2. Samuel behalten haben; bestenfalls wird in einer Fußnote auf die Problematik hingewiesen. Nirgendwo konnte man sich dazu durchringen, den Text anhand der Stelle aus 1. Chronik zu korrigieren. Jedoch – zumindest die Übersetzer der altehrwürdigen, englischen King James Bibel haben es gewagt! Was könnte der Grund für diese allgemeine Zurückhaltung sein? Ist es Ehrfurcht vor dem inspirierten Wort Gottes? Und falls ja, könnte es dann sein, dass das göttliche Mitwirken am Entstehungsprozess der Bibel etwas überbewertet wird?

Ich bin davon überzeugt, dass die Bibel in den Gedanken und Werten, die sie vermittelt, durch und durch göttlich ist. Aber wer einmal die Entstehungsgeschichte der Bibel mit halbwegs offenen Augen verfolgt, kann in Satzbau, Schreibstil und Gesamt-Komposition das Menschliche nicht ignorieren. Trotzdem bleibt die Bibel Gottes Wort. Daran kann der eine oder andere grammatische Fehlgriff nichts ändern. Im Falle der Goliat-Episode ist doch die Pointe, dass Gottes Hilfe mehr Wert ist als militärische Macht. Und die Chronik-Stelle verankert das Ganze in nachvollziehbarer Weltgeschichte. Dazu müssen die Bibeltexte keine literarischen Meisterwerke sein (obwohl sie es häufig trotzdem sind).