
Das Buch mit sieben Siegeln
In Fragen nach den letzten Dingen wird gern die Johannes-Apokalypse herangezogen; jenes rätselhafte "Buch mit sieben Siegeln", das bildgewaltig von Zorn-Schalen, Drachen, Posaunen, einem Krieger-Jesus und einer goldenen Stadt aus dem Himmel erzählt. Es geht aber auch einfacher.
Die Apokalypse im Kontext
Der Überlieferung zufolge habe ein Jesus-Schüler namens Johannes um 95 n. Chr. auf der Mittelmeer-Insel Patmos in einer Vision eine Offenbarung (griechisch apokalypsis) durch Jesus Christus empfangen und niedergeschrieben. Darin werden die Christen ermuntert, in Zeiten der Unterdrückung den Glauben zu bewahren und durchzuhalten, bis schließlich Jesus persönlich auf die Erde zurückkehren und Gerechtigkeit wiederherstellen möge, was sie noch zu Lebzeiten erwarteten. Im damaligen Kontext war für die Christen speziell der römische Kaiserkult ein Problem, der die Anbetung des Cäsar verlangte. Der amtierende Kaiser zur Zeit der Textentstehung war wahrscheinlich Domitian (81–96 n. Chr.), wobei der Text auch auf die Regierung des Nero (54–68 n. Chr.) anzuspielen scheint.
Teil der Bibel oder nicht?
Man kann den Eindruck gewinnen, die Apokalypse sei der wichtigste Teil der Bibel. In modernen Bibel-Ausgaben erscheint sie als letztes Buch und damit als scheinbarer Höhepunkt des gesamten Erzählrahmens. Der tatsächliche Grund ist jedoch, dass der Reformator und Bibelübersetzer Martin Luther (1483–1546) den Text gering schätzte und daher ans Ende schob. In seiner Vorrede zur Offenbarung betonte er: „Endlich meine davon jedermann, was ihm sein Geist gibt, mein Geist kann sich in das Buch nicht schicken, und ist mir dies Ursache genug, dass ich sein nicht hochachte, dass Christus drinnen weder gelehret noch erkannt wird […]. Darum bleibe ich bei den Büchern, die mir Christus hell und rein dargeben.“
Freilich war Luther nicht der Erste, der sich mit der Apokalypse schwer tat. Sie war durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch das wohl umstrittenste Bibel-Buch und blieb es bis heute.
Bischof Dionysius von Alexandria schrieb in der Mitte des 3. Jahrhunderts demütig: „Einige unserer Vorfahren haben das Buch verworfen und ganz und gar abgelehnt. Sie beanstanden Kapitel für Kapitel und erklärten, dass der Schrift Sinn und Zusammenhang fehle und dass der Titel falsch sei […]. Ich aber möchte nicht wagen, das Buch zu verwerfen; denn viele Brüder halten große Stücke auf dasselbe. Ich möchte vielmehr glauben, dass das Urteil über die Schrift sich meiner Vernunft entzieht. Ich vermute nämlich, dass die einzelnen Sätze einen verborgenen und ganz wunderbaren Sinn in sich schließen.“ (Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VII, 25,4)
Der Geschichtsschreiber Eusebius von Cäsarea (ca. 260–340 n. Chr.) hielt entsprechend fest, dass die Offenbarung „von den einen verworfen, von anderen aber zu den echten Schriften gerechnet wird“ (Eusebius, Kirchengeschichte, Buch III, 25,4).
Zur heutigen Situation berichtet Wikipedia: „In den gegenwärtigen Ostkirchen wird die Offenbarung als einzige neutestamentliche Schrift nie im Gottesdienst verlesen. Da die Liturgie insgesamt als Offenbarung verstanden wird, bedeutet dies einen in der Praxis nicht voll kanonischen Status der Offenbarung. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche erkennt die Offenbarung des Johannes überhaupt nicht an und druckt sie auch in ihren Bibeln nicht ab.“
Zur Grundlage im Glauben und Denken
Somit ist es ratsam, die Apokalypse nicht auf einer Stufe mit den Evangelien oder den Paulus-Briefen zu sehen. Auf keinen Fall sollte sie zur Grundlage der Bibel-Auslegung werden, auch dann nicht, wenn es um Fragen zur Endzeit geht. Die Offenbarung muss stets im Licht unstrittiger Endzeit-Texte verstanden werden, wie sie uns beispielsweise im Matthäus-Evangelium oder beim Propheten Jesaja begegnen.
Der Autor der Offenbarung war definitiv ein Jude, und das jüdische Zukunfts-Denken beruht zu einem großen Teil auf den Büchern der Propheten Jesaja, Joel, Sacharja, Hesekiel und Daniel. Die Johannes-Apokalypse baut auf einer langen Tradition. Ohne eine gründliche Kenntnis jeder dieser Schriften und ihrer Bildsymbole werden wir den rätselhaften Text mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so verstehen, wie er vom Autor gemeint war.
Man kann den Eindruck gewinnen, die Offenbarung sei eine Art „Schlüssel“, der nötig ist, um den Rest der Bibel im richtigen Licht sehen zu können. Tatsächlich ist es genau umgekehrt! Ich würde sogar behaupten: Man benötigt die Offenbarung gar nicht, um zu einem schlüssigen, hoffnungsvollen, „bibeltreuen“ Verständnis der letzten Dinge zu gelangen.
Auch wenn die Apokalypse in der modernen Popkultur großen Einfluss hat, sollte ihr Stellenwert für die Bibel-Auslegung nicht überbetont werden. Der bekannte Theologe Thorsten Dietz hat sie treffend mit einem Gemälde verglichen, das bekannte Zusammenhänge illustriert, aber nicht mit einem Fahrplan verwechselt werden sollte.
Da wir das Fass nun aber aufgemacht haben, stellt sich die Frage: Wie ist das Gemälde „richtig“ zu interpretieren?
Zum Textverständnis
Bei der Interpretation der Offenbarung existieren zahlreiche Herangehensweisen. Der größte Unterschied im Textverständnis zeigt sich an der Frage, ob man echte Zukunfts-Vorhersagen grundsätzlich für möglich hält. Menschen, deren weltanschauliche Vorentscheidung „echte“ göttliche Offenbarung ausschließt oder für unwahrscheinlich hält, neigen zu einem symbolisch–präteristischen Verständnis:
- Symbolisch: Die Offenbarung wird größtenteils oder komplett als Metapher verstanden. Wenn also von 144.000 Versiegelten, vier Reitern, zwei Zeugen, der Zahl 666, einer Heuschrecken-Armee oder 24 Ältesten die Rede ist, dann sind das Bilder, die in einem übertragenen Sinn verstanden werden wollen. Viele dieser Bilder tauchen in anderen Büchern der hebräischen Bibel auf, sodass eine genaue Kenntnis der Heiligen Schrift nötig ist, um nicht in willkürliche Interpretationen zu verfallen. Beispielsweise spielen die vier Reiter aus Offenbarung 6,1-8 gewiss auf Sacharja 6,1-8 an und werden letztlich erklärt durch Hesekiel 14,21.
- Präteristisch: Die Offenbarung sei in erster Linie ein Trostbrief der frühen Christengemeinde und spielt mit ihren Bildern auf die damaligen Ereignisse der römischen Kaiserzeit an (Präteritum = Vergangenheit). Die Zahl 666 entspräche dann beispielsweise dem Namen des Kaisers Nero und die „sieben Köpfe des Tieres“ bzw. die „sieben Könige“ aus Kapitel 17,9 sind historische Kaiser: Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Vespasian und Titus, wobei die letzten Beiden für die Zerstörung Jerusalems und des Tempels verantwortlich waren. Der danach folgende, „achte König“ aus Kapitel 17,11 wäre Domitian. Eine solche Sichtweise ist in der historisch-kritischen Bibelwissenschaft vorherrschend und meiner Ansicht nach außerordentlich gut begründet.
Wer hingegen davon ausgeht, dass Gott aktiv in unsere Weltgeschichte eingreift und Menschen eine festgelegte Zukunft offenbart, tendiert zu einem historisierenden oder futuristischen Verständnis:
- Historisierend: Die Ereignisse des Apokalypse-Buches werden zu großen Teilen als Darstellung der Kirchengeschichte von der Zeit Jesu bis in die Gegenwart betrachtet. Die „sieben Köpfe“ bzw. „sieben Könige“ aus Kapitel 17,9 seien die antiken Weltreiche Ägypten, Assyrien, Babylon, Medo-Persien, Griechenland und Rom, sowie das moderne Europa (oder Teile davon). Die „Hure Babylon“ aus Kapitel 17,3 wäre das Papsttum bzw. die katholische Kirche. Gelegentlich wird das „zweite Tier aus der Erde“ in Kapitel 13,11 als die Vereinigten Staaten von Amerika interpretiert. Diese oder ähnliche Sichtweisen sind typisch für Siebenten-Tags-Adventisten und Zeugen Jehovas.
- Futuristisch: Hier wird fast das gesamte Geschehen der Offenbarung (abgesehen von den ersten drei Kapiteln) in die Zukunft verlegt. Man geht tendenziell von einer wortwörtlichen Erfüllung der rätselhaften Bilder aus, beispielsweise wird die Zahl 666 aus Kapitel 13,18 als tatsächliches Identifikationsmerkmal innerhalb einer neuen Weltordnung betrachtet. Die katastrophalen Plagen aus Kapitel 6, 8, 9 und 16 (Blutmond, Finsternis, Hagel, Erdbeben, Heuschrecken, Geschwüre, …) werden als Gottes Werkzeuge des jüngsten Gerichts verstanden. Verbunden ist diese Vorstellung meist mit der Idee, dass die Gläubigen in naher Zukunft von Gott in den Himmel „entrückt“ werden, um den Plagen ganz oder teilweise zu entgehen. In evangelikal geprägten Freikirchen ist diese Auffassung üblich.
Diese Darstellung ist ein stark vereinfachter Überblick. Tatsächlich können sich alle vier Sichtweisen überlagern oder ergänzen. Angesichts dieser erdrückenden Fülle an Optionen neigen wir dazu, eine Auslegung zu wählen, die unseren persönlichen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Damit lesen wir etwas in den Text hinein, nicht aus ihm heraus. Die große Gefahr ist, dass wir der Offenbarung unser Weltbild aufzwängen, statt unsere Perspektive vom Bibeltext korrigieren zu lassen.
Ein persönlicher Rat
Um es kurz zu machen: Ich würde die Finger von der Offenbarung lassen. Es gibt genug wertvolle, nützliche Bibeltexte, die wichtiger sind. Quasi alle anderen. Aber falls du zu den unvernünftigen Menschen gehörst, die sich trotzdem auf die Apokalypse einlassen wollen, kann ich dir zumindest noch ein paar Tips mit auf den Weg geben.
Ich glaube, dass in allen vier Sichtweisen (symbolisch / präteristisch / historisierend / futuristisch) ein Funke Wahrheit steckt. Einst war ich ein Verfechter des radikalen Futurismus; aber nicht wegen der besseren Argumente, sondern weil ich es nicht anders kannte. Heute würde ich eine Auslegungs-Strategie empfehlen, die genau am anderen Ende des Spektrums beginnt:
Man prüfe zunächst gründlich (!), welche Textteile der Offenbarung im Licht anderer Bibelstellen interpretiert werden müssen, um ihre Symbolik zu verstehen. Danach nehme man die Geschichtsbücher (Josephus Flavius, Eusebius, …) in die Hand und prüfe ebenso gründlich (!), welche Textteile einen offensichtlichen Bezug zur damaligen römischen Welt haben. Was dann übrig bleibt, kann historisierend und/oder futuristisch verstanden werden. Meiner Erfahrung nach ist das aber nicht viel!
Der Prophet Jesaja, aber krasser!
Der gesamte Erzählrahmen der Offenbarung – der Kampf zwischen zwei Königreichen aus Licht und Finsternis – findet sich schon im Alten Testament. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. hatte Jesaja, diese Urgewalt eines Propheten, die soziale Ungerechtigkeit in Israel kritisiert und Babylon als den großen Feind des Gottesvolkes skizziert. Sein Buch ist ein Schrei nach Gerechtigkeit und im Blick auf die Zukunft eine Explosion der Hoffnung.
Johannes malt genau das gleiche Bild wie Jesaja, nur in imposanteren Farben. An vielen Stellen bringt Johannes Begriffe und Formulierungen, die zum Teil wörtlich aus Jesaja zitiert sind, überzeichnet sie aber dramatisch. Ich habe einmal versucht, die offensichtlichen Verbindungen darzustellen:

Wer sich daran wagt, die Offenbarung zu interpretieren, muss sich all dieser Parallelstellen bewusst sein. Das Gleiche gilt für die zahllosen Verbindungen zu den anderen hebräischen Propheten!
Die Apokalypse ist ein heißes Eisen, mit dem viele Christen zu leichtfertig umgehen. Wird das Buch unreflektiert zur Grundlage einer Weltanschauung, kommen dabei fast zwangsläufig pessimistische, menschenfeindliche, realitätsfremde Absurditäten heraus.
Hütet euch!