Quid est veritas?

Können wir jemals etwas sicher wissen? Worauf beruht unsere Erkenntnis und wo sind wir auf Glauben angewiesen? Gibt es absolute Wahrheit überhaupt? Ein kurzes Bekenntnis.

Eine Idee von Vollkommenheit

Könnte es sein, dass ich nur ein schwabbeliges Gehirn in einem Tank voller Nährflüssigkeit bin, dem die ganze Realität vom allmächtigen Spaghetti-Monster vorgegaukelt wird? Dass sogar mein Denken, mein Wille und meine scheinbar logischen Schlussfolgerungen manipuliert werden? So ähnlich begann jedenfalls der Philosoph René Descartes (1596–1650) seine Überlegungen (Meditationes de prima philosophia, Paris 1641). Er folgerte, dass wir durch unser Zweifeln die Autonomie der eigenen Existenz beweisen: Es mag sein, dass alles, was wir sinnlich wahrnehmen, eine einzige Täuschung ist. Aber allein die Tatsache, dass da etwas ist, das zweifelt und beurteilt, macht uns real. Cogito ergo sum: Ich denke, also bin ich. Descartes erkannte in diesem denkenden Ding die Seele; ich würde es lieber Geist nennen.

Morpheus und Neo im Film „The Matrix“ der Wachowski-Geschwister. Was ist echt und was ein Trugbild unsere Gehirns?

Leider ist damit noch nicht bewiesen, dass die Wahrnehmung der Welt, die in unserem subjektiven Bewusstsein entsteht, auch einer objektiven Realität außerhalb von uns entspricht. Zwar gibt es offensichtlich etwas außer mir selbst, denn jede Wirkung braucht eine Ursache. Aber diese Ursache könnte auch ein sadistischer Dämon sein, oder das Spaghetti-Monster – oder ein gutwilliger Gott. Nur im letzten Fall kann ich sicher sein, in meiner Wahrnehmung nicht auf eine grobe Illusion hereinzufallen. Sollte die ultimative Ursache des Universums willkürliche oder bösartige Absichten haben, sind wir deren Launen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; ohne jede Chance, ihr jemals auf die Spur zu kommen. In der Filmreihe The Matrix ist die wirkliche Welt eine triste, post-apokalyptische Dystopie, während den Menschen die Illusion der Welt, die wir kennen, von bösartigen Robotern zerebral eingeflößt wird.

Descartes bot für dieses Dilemma eine clevere, aber ziemlich abstrakte Lösung: Er bemerkte in seinem Geist (quasi als Werkseinstellung) eine Vorstellung von Vollkommenheit, obwohl wir selbst weit hinter diesem Ideal zurückbleiben. Woher kommt dieses Ideal und warum sind wir so häufig nicht in der Lage, ihm gerecht zu werden?

Die Antwort des Philosophen wäre: Gerade weil wir defizitär und fehlerhaft sind, haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung von dem, was uns mangelt. Weiter stellte Descartes fest, dass etwas rein Imaginäres weniger vollkommen sei als etwas wirklich Existentes. Das absolut Vollkommene müsse es demnach notwendigerweise wirklich geben! Dasein und Vollkommenheit lassen sich nicht trennen. Mit anderen Worten: Unser eigenes Bewusstsein von Fehlbarkeit und Mangel beweist die Existenz einer vollkommenen Entität, die man Gott nennen kann. Im Begriff der Vollkommenheit ist aber auch kein Platz für Betrügerei und Täuschung. Deshalb können wir darauf vertrauen, dass Gott unsere Sinne so konstruiert hat, dass sie ein authentisches Bild der Wirklichkeit vermitteln. Jedenfalls meistens. Wenn nicht gerade Fässer voll Rum oder Experimente mit unbekannten Pilzen im Spiel sind.

Dieser „Gottesbeweis“ ist sicher nicht für jeden nachvollziehbar. Der Ansatz zeigt aber, wie sehr Sinn und Bedeutung unserer eigenen Existenz vom Wesen Gottes abhängen: Vielleicht gibt es ihn gar nicht? Dann sind wir Zufallsprodukte ohne Sinn und Ziel. Ist Gott launisch oder bösartig? Dann sind wir womöglich nur ein fehlgeschlagenes Experiment oder gar zum Leiden erschaffen! Gibt es mehrere Götter mit unterschiedlichen Absichten? Dann könnte unser Leben ursprünglich einem würdigen Zweck gedient haben, doch wir könnten nie sicher sein, ob und wie lange das noch so ist. In all diesen Fällen wäre auf nichts in der Welt verlass. Und trotzdem würde ich es wissen wollen!

Nur ein wirklicher, in jeder Hinsicht vollkommener Gott kann Sicherheit im Leben bieten. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass sich uns ein solcher Gott mitteilt und Klarheit über sein Wesen schafft.

Über die Gründe des Glaubens

Descartes schloss einzig vom menschlichen Geist ausgehend auf die Realität Gottes, und erst von Gott auf die Wirklichkeit unserer Welt. Insofern liegt uns Gott näher als die materielle Welt! Dieser Philosophie folgend ist Gottes Existenz für mich ein Paradigma. Die Frage, ob es einen transzendenten Gott gibt oder nicht, kann ohnehin nicht empirisch untersucht werden. Es liegt ja schon im Begriff der Transzendenz, dass ein solcher Gott unsere Erfahrungswelt übersteigt. Wir können lediglich aus der Beobachtung unserer Welt eine gewisse Einschätzung abgeben. Gläubig ist also jeder Mensch. Es geht gar nicht anders. Auch ein rein naturalistisches Weltbild basiert auf dem Glauben an die Nicht-Existenz transzendenter Mächte.

Halten wir fest: Glaube kann man nicht beweisen, wohl aber begründen. Meine Einschätzung zur Gottesfrage wird durch drei Beobachtungen entscheidend beeinflusst:

I. Der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel

Durch die Analyse weit entfernten Sternenlichts haben wir herausgefunden, dass Raum und Zeit mit dem Urknall vor unvorstellbaren 13,8 Milliarden Jahren einen Anfang hatte und sich seither ausdehnt. Wenn aber etwas in Bewegung gerät, braucht es einen ersten Beweger. Zwar schrieb der berühmte Physiker Stephen Hawking, dass sich Universen aufgrund des Gravitationsgesetzes von selbst aus dem Nichts erzeugen können (Der große Entwurf, 2015, S. 177). Aber woher kommt dieses Naturgesetz? Die Logik und mein Verständnis von Kausalität zwingt mich, eine übergeordnete, raum- und zeitlose Macht als Ursache anzunehmen.

Passend dazu legen die Erkenntnisse der Quantenphysik nahe, dass die Grundlage allen Seins nicht Materie ist, sondern Geist. Mehr noch, auf makroskopischer Ebene existiert Materie überhaupt nicht, sondern wird erst im großräumigen Aufbau des Universums als Solche wahrgenommen. Insofern betrachte ich das Universum als Ausdrucksform einer tiefer liegenden, geistigen, alles durchdringenden Wahrheit.

II. Menschliches Bewusstsein: Eine Emergenz der Macht

Dass wir über uns selbst nachdenken können, zeigt, dass wir mehr sind als die Summe unserer Teile. Das Zusammenspiel all unserer Gehirnfunktionen ermöglicht etwas, das über die Eigenschaften bloßer Materie hinausgeht. Unser Bewusstsein ist der ultimative Ausdruck des Geistes, und der vielleicht wichtigste Faktor bei der Bewusstseinsbildung ist die menschliche Sprachfähigkeit.

Jede einzelne Sprache ist ein genial ausgefeiltes, wunderschönes Kommunikationssystem. Aber wie ist das entstanden?

Aus der Linguistik wissen wir, dass Sprache im Verlauf der Jahrtausende degeneriert und dass die frühesten Sprachen (beispielsweise das Sumerische) gleichzeitig die Komplexesten sind (Roger Liebi, Herkunft und Entwicklung der Sprachen, 2003, S. 182). Das bedeutet, Sprache hat sich wohl nicht aus simplen Grunz- und Blabber-Lauten heraus entwickelt. Sprache ist ein geistiges System, um geistige Konzepte auszutauschen. Muss ihr Ursprung da nicht auch in der geistigen Welt liegen?

III. Die biblische Überlieferung

Die Texte der Bibel sind das Ergebnis einer langen Überlieferungskette. Durch die Jahrtausende haben Menschen ihre Gotteserfahrungen in Sprache fixiert und weitergegeben. Dabei umfasst die Bibel nicht nur die Geschichte des Judentums, sondern hat auch Gedankengut der altehrwürdigen Sumerer aufgearbeitet.

Ganz eindrücklich ist die Exodus-Erfahrung der Israeliten: Der allmächtige Schöpfer habe das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreit. Die Identität dieses Volkes und die ganze jüdische Weltreligion basiert auf der festen Überzeugung, dass Gott Interesse am Menschen hat, ja sogar ein Anwalt der Armen und Unterdrückten ist. Und dann sind da noch die (ebenfalls jüdischen) Berichte darüber, dass der Mann Jeshua (Jesus) aus Nazaret vom Tod auferweckt worden sei. Kaum eine Person der Weltgeschichte hat sich dermaßen in die Erinnerung der Menschheit eingebrannt. Jesu Leben war die ultimative Bestätigung des jüdischen Gottesbildes. Beide Phänomene – Exodus und Auferweckung – sind ohne göttliche Intervention wirklich schwer zu erklären.

Gott mag in der Natur wahrnehmbar sein, aber sein Charakter und seine Absichten erschließen sich uns dadurch nicht. Dafür braucht es eine echte Gottes-Offenbarung. Genau das ist der Anspruch der christlichen Weltreligion: Gottes Wort (sein Denken, seine Ziele, seine Schöpferkraft, …) sei in der Person Jesus sichtbar geworden (Johannes 1,1). In diesem Sinne war er Gottes Sohn. Christen bezeugen das von Anfang an – die gesamte Kirchengeschichte hindurch. Was ist aber die Essenz der Lehre Jesu und letztlich der gesamten Bibel? Was ist es, das der ewige Schöpfer uns winzigen Kreaturen sagen will? Ich würde es so zusammenfassen:

Von den Herausforderungen des Mensch-Seins

In den unvorstellbaren Zeiträumen vergangener Äonen schuf der allmächtige Gott ein harmonisches, „sehr gutes“ Ökosystem, in dem die Menschheit im Einklang mit der Natur leben konnte (Genesis 1,31). Diese Schöpfung war wild, abenteuerlich (Hiob 40,15-32), aber auch vergänglich (2. Korinther 4,18), sodass jeder Atemzug als wertvolles Geschenk des Schöpfers wahrgenommen werden konnte.

Leider neigen Menschen dazu, das Geschenk eines guten Lebens als etwas Selbstverständliches zu betrachten, das wir bei Gott einfordern können. Daraus folgt ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Schöpfer, wenn wir mit Leid und Schmerz konfrontiert werden. Und überhaupt wissen wir doch selbst am besten, was gut für uns ist! Also müssen wir für unsere Sicherheit sorgen – und damit einher kommt die Angst, die Kontrolle über das Leben zu verlieren. Plötzlich müssen wir uns durchsetzen, aufrüsten, verteidigen! Diese tiefe Angst führt wie eh und je zu Egoismus und Habgier und bringt die Schöpfung katastrophal aus dem Gleichgewicht. Indem wir uns Gott entziehen, dem Ursprung und Bewahrer allen Lebens, verlieren wir (im Bilde gesprochen) das Paradies. Das ist die ganze Dramatik unserers Daseins.

Der einzige Weg, die frühere Harmonie wiederherzustellen, führt über den Gottessohn Jesus. Warum? Weil er selbst zu einem Sterblichen wurde und uns von Mensch zu Mensch Gottes Charakter und seine Liebe beweisen konnte. Arme und Schwache nahm er auf; den Mächtigen und Unterdrückern begegnete er mit feuriger Kritik. Sein Selbstanspruch war absolut: In der lateinischen Bibelübersetzung (der Vulgata) sagte er von sich selbst: „Ego sum via veritas et vita“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6). Meisterhaft nahm er den Menschen ihre Ängste und führte ihnen vor Augen, dass Gott nach unserem diesseitigen Lebenslauf eine unendlich viel bessere, ewige Schöpfung mit einem Platz für jeden von uns geplant hat (Johannes 16,33). Nur im Vertrauen darauf ist es möglich, angstfrei zu leben, und nur in dieser Freiheit können wir unseren Mitmenschen – sogar unseren Feinden – wirklich barmherzig begegnen. Das ist der Weg.

Pontius Pilatus und Jesus („Ecce homo“ von Antonio Ciseri)

Aufgrund seiner Ansichten wurde Jesus brutal hingerichtet. Wahre Liebe gerät immer unter die Räder. Selbst unter schlimmster Folter nahm er keines seiner Worte zurück, sondern lebte seine Lehre radikal zu Ende. Er sah nicht den Hass seiner Peiniger, sondern die tiefe Angst und Unsicherheit in ihren Herzen, und stieß den Schrei aus, der durch die Jahrtausende hallt: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34). Der Gottessohn verreckte elendig, doch nach drei Tagen – als wolle der Schöpfer seine Signatur unter Jesu Leben setzen – erweckte er ihn vom Tod zu einem unvergänglichen, völlig neuartigen Leben (1. Korinther 15,44). Nun ist sein Leben Beispiel und Beweis dafür, dass nur durch Vergebung der Weg zurück ins Paradies möglich ist.

In dieser Welt wird grenzenloses Unrecht getan. Aber jeder Täter ist auch ein Mensch, dem Unrecht getan wurde: Nur verletzte Menschen verletzen Menschen. Bei der Suche nach den Schuldigen übersehen wir das gern. Und fügen wir selbst nicht auch großes Leid zu – allein schon deshalb, weil wir in einem reichen Land auf Kosten ärmerer Länder leben? Zu lernen, in „den Bösen“ auch Menschen zu sehen und in uns selbst auch „das Böse“ – das ist vielleicht die größte Herausforderung menschlicher Existenz. Um es in Jesu Worten zu sagen: „Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.“ (Matthäus 6,14+15).

Es ist an uns, diese Aussagen mit einem ehrlichen, demütigen Herzen zu überprüfen. An der Geschichte vom menschgewordenen Gottessohn scheiden sich die Geister. Wagst du, wie der römische Statthalter Pontius Pilatus vor über 2000 Jahren, zu fragen: „Quid est veritas?“Was ist Wahrheit?