Eridu Genesis – als das Königtum vom Himmel herabkam

Der Geist des Menschen kommt von Gott. Aber was genau bedeutet das und wie ist es konkret vorstellbar? Eine Reise zum Beginn menschlicher Kultur und den mythischen Königen vor der Sintflut.

Gewagte Vor-Überlegungen

In einem früheren Beitrag habe ich eine Variante der theistischen Evolution vorgestellt: Der Körper des Menschen könnte im Verlauf unermesslicher Zeiträume durch Evolution entstanden sein, während unabhängig davon sein typisch menschliches Bewusstsein und sein sprachgebundenes Denken – sein Geist – vor vergleichsweise kurzer Zeit im Rahmen eines göttlichen Schöpfungsakts erweckt wurde.

„Die Erschaffung Adams“, Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Michelangelo, um 1510

Radiometrische Datierungs-Methoden deuten darauf hin, dass der Urmensch Homo erectus fast zwei Millionen Jahre lang den Planeten besiedelte, bis er vor grob 200.000 Jahren in den Neandertaler und parallel dazu in den modernen Menschen evolvierte. Soweit wir wissen, waren sich alle drei Menschen-Arten anatomisch gesehen relativ ähnlich und wohl auch zu vergleichbaren kognitiven Leistungen fähig. Man muss sich fragen, warum die Menschheit eine so unfassbar lange Zeit vor sich hin dümpelte, bis vor kaum 40.000 Jahren die kulturellen Innovationen sprunghaft anstiegen: Der Mensch begann, sich in Form von Höhlenmalereien künstlerisch auszudrücken, baute Musikinstrumente, schnitzte Figuren und verzierte Werkzeuge. Um diese Diskrepanz zu erklären, gehen einige Paläontologen sogar davon aus, dass der Mensch erst seit dieser Zeit zu höherem Denken und Sprechen fähig ist.

Es gibt noch eine andere Erklärung, die zwar weitaus umstrittener ist, aber durchaus Charme hat: Was, wenn unsere Datierungs-Methoden einen systematischen Fehler enthalten? Hinweise darauf gibt es. Die ganze Geschichte irdischen Lebens bliebe dann in der relativen Reihenfolge unverändert, würde aber deutlich zusammenschrumpfen. Unter diesen Voraussetzungen läge die kulturelle Explosion der Menschheit vielleicht nur ca. 10.000 Jahre zurück und fiele zusammen mit der Neolithischen Revolution, dem Beginn des Ackerbaus und dem Aufkommen der ersten Tempelanlagen. Es wäre weiterhin denkbar, ja geradezu verlockend, als Auslöser dieses Evolutionssprunges den Moment der Sprachgebung anzunehmen, der aus wilden Urmenschen die drei vernunftbegabten Homo-Gattungen erectus, neanderthalensis und sapiens machte.

Gehen wir – nur zum Spaß – davon aus, es sei tatsächlich so. Dann muss die Frage erlaubt sein, ob nicht in den schriftlichen Erinnerungen der Menschheit Spuren einer plötzlichen Sprachgebung zu finden sind. Die Erfindung der Schrift durch das ehrwürdige Volk der Sumerer liegt etwa 5.300 Jahre zurück. Davor müsste eine ausgeprägte mündliche Erzähl-Tradition Jahrtausende überbrückt haben. Intuitiv mag das unmöglich erscheinen – und mit heutigen Ansprüchen an die Geschichtsschreibung ist es das sicher auch. Dass über derartige Zeiträume keine Details originalgetreu überliefert werden, ist klar. Viel mehr wäre an die Überlieferung eines wahren Kerns zu denken, verpackt in den fantasievollen Ausschmückungen des Mythos. Ein Ereignis wie die Sprachschöpfung (wie auch immer das konkret ausgesehen haben mag!) muss für eine ganze Bevölkerung prägend gewesen sein und blieb es für jede weitere Generation. Schließlich wird hier nicht weniger als der Ursprung menschlicher Zivilisation erhellt.

Kollektive Erinnerungen?

Kulturen in totaler Schriftlosigkeit kennen zahlreiche Erinnerungs-Techniken, um ihre Volkssagen zu bewahren. Zum einen wird Rhythmus, Reim und Gesang genutzt, um die Inhalte zusätzlich durch Versmaß und Melodie im Gedächtnis zu verankern. In vielen alten Mythen, die uns schriftlich vorliegen, lässt die enthaltene Lyrik noch eine vorhergehende mündliche Überlieferung erahnen: Seien es Homer’s Werke Ilias und Odyssee, das mesopotamische Gilgamesch-Epos oder die Urgeschichten der hebräischen Genesis. Zum anderen hat die ausgeprägte Bildersprache dieser Mythen nicht nur unterhalterischen Wert, sondern bleibt auch besonders gut in der Erinnerung haften.

Ob allein mit diesen Techniken Jahrtausende überbrückt werden können, wage ich trotzdem noch zu bezweifeln. Aber die Erzählungen selbst werden von einem weiteren Phänomen getragen, das entscheidend sein könnte: Der Kult. Schon die steinzeitlichen Höhlenmalereien, die konventionell auf ein Alter von 45.000 – 25.000 Jahren datiert werden, enthalten wahrscheinlich kultische Inhalte. Darunter finden sich abstrakte Zeichen, Symbole wie das weibliche Schamdreieck, der männliche Phallus (Menschen ändern sich wohl nie …), Darstellungen von Jagdszenen, Tieren, Menschen, Mischwesen und nicht zuletzt die rätselhaften Handnegative mit zum Teil fehlenden (rituell amputierten?) Fingergliedern. Zwar können diese Bilder keine Mythen überliefern, aber durchaus Ideen und Zusammenhänge fixieren. Man kann sich vorstellen, wie Schamanen mit ihren Erzählungen am Lagerfeuer diese Bilder zum Leben erweckten und sich über Generationen hinweg daran orientierten.

Die Megalith-Kreise von Göbekli Tepe im Jahr 2011 (c) Wikipedia.de | Teomancimit

Ein anschauliches Beispiel für einen prähistorischen, religiösen Kult bietet die steinzeitliche Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe in Südost-Anatolien. Dort wurden vier Steinkreise aus T-förmigen Pfeilern gefunden, die jeweils um ein Zentrum aus zwei größeren Pfeilern angeordnet sind. In den Kalkstein sind Tier-Reliefs und unverstandene Zeichen eingeschlagen, die vielleicht für Gottheiten stehen. Besonders spannend: Laut Radiokohlenstoff-Datierung wurde die Anlage in zwei Siedlungsphasen von ca. 9600 bis 8000 v. Chr. genutzt. Das sind 1.600 Jahre! In all der Zeit hat sich der mit dem Ort verbundene Kult scheinbar kaum verändert. Falls die Datierung stimmt, bedeutet das gleichzeitig, dass die Gedankenwelt der Menschen damals viel geringerem Wandel unterworfen war, als es heute der Fall ist. Woraus man wiederum schließen kann, dass Glaubens-Überzeugungen und damit verbundene Mythen wesentlich konstanter überliefert wurden.

Ein Beispiel, um es etwas konkreter zu machen: Unter den vielen Tier-Darstellungen auf den T-Pfeilern in Göbekli Tepe sind auffallend viele Schlangen, sodass die erste der vier Megalith-Anlagen als „Schlangenpfeiler-Gebäude“ bekannt wurde. In den keilschriftlich überlieferten Mythen Mesopotamiens (um 2000 v. Chr.) spielt die Schlange eine zentrale Rolle als Hüterin des Lebens. Nicht zuletzt geht die Schlange der biblischen Sündenfall-Geschichte auf diese Symbolik zurück. Haben wir es hier mit einem mythischen Element zu tun, das tatsächlich Jahrtausende überdauerte?

Von wilden Tieren zum Ackerbau

Mit diesem Wissen ist es an der Zeit, die frühesten literarischen Werke der Menschheit zu untersuchen. In den vielfältigen Mythen der Sumerer und Akkader fällt eine mehrfach wiederholte Bemerkung auf: Die Menschheit sei einst animalisch und unzivilisiert gewesen; erst die Sumerer hätten mit Hilfe der Götter echte menschliche Kultur gebracht.

In der archaischen Stadt Nippur wurde eine Keilschrift-Tontafel aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. entdeckt, die bis auf weiteres den kuriosen Namen Streitgespräch zwischen Schaf und Getreide trägt und die Rivalität zwischen Ackerbau und Viehzucht thematisiert. Am Ende obsiegt das Getreide; will sagen: Die Sumerer sahen sich durch die Erfindung des Ackerbaus den nomadischen Hirtenvölkern überlegen. Doch man lies und staune, wie die Menschen vor der Sesshaftwerdung beschrieben werden, also im Stadium von Jägern und Sammlern:

„Die Menschen jener Tage wussten nichts vom Brotverzehr. Sie wussten nichts von Kleidung; sie liefen mit nackten Gliedmaßen im Land umher. Wie Schafe fraßen sie Gras mit ihren Mündern und tranken Wasser aus den Gräben. Zu dieser Zeit, […], auf dem Heiligen Berg, schufen die Götter Schaf und Getreide. […] Diese gaben sie der Menschheit zur Nahrung […]“

Streitgespräch zwischen Schaf und Getreide, Zeile 12-36, Übersetzung aus dem Englischen von mir

Eine ganz ähnlich klingende Bemerkung findet sich in dem kleinen Geschichtchen Wie das Getreide nach Sumer kam. Die Vorstellung „wilder“ Vorfahren war scheinbar allgemein bekannt! So wundert es nicht, dass dieses Thema auch im altbabylonischen Gilgamesch-Epos aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. aufgegriffen wird. Auf der ersten Tafel dieses monumentalen Werkes lernen wir den späteren Freund des Helden Gilgamesch kennen, den dicht behaarten Wildmenschen Enkidu. Seine Familie sind die Tiere der Steppe, denen er jedoch geistig überlegen dargestellt wird. Das Epos nimmt Fahrt auf, als sich ein Jäger bei König Gilgamesch zu beschweren beginnt: Enkidu entschärfe alle seine Fallen, sodass er kein einziges Tier mehr fangen könne! Der König ersinnt sogleich einen sensationellen Plan: Der Jäger möge die Dirne Schamchat in die Steppe zu Enkidu führen und den natürlichen Trieben des Lebens freien Lauf lassen. Gesagt, getan:

„Es kamen heran die wilden Tiere, sie labten sich am Wasser. Und so auch er, Enkidu, dessen Herkunft die Berge sind. Mit Gazellen frisst er Gras. Mit Herdentieren drängt er sich an der Wasserstelle, mit wilden Tieren labt er sich am Wasser. Es sah ihn Schamchat, ihn, den Ur-Menschen, den mörderischen Burschen aus dem Innersten der Steppe. „Das ist er, Schamchat, entblöße deine Brust! Öffne deine Scham, auf dass er deine Reize nehme! […] Wirke an ihm, an ihm, dem Ur-Menschen, mit den Künsten des Weibes!“ […] Als er sich an ihrer Lust gesättigt, wandte er sein Gesicht der Herde zu. Es sahen Enkidu und stürmten davon die Gazellen, die Herde der Steppe wich zurück von seiner Gestalt. […] Doch [mit einem Male] besaß er Verstand, und tief war seine Einsicht.“

Gilgamesch-Epos, Tafel I, Zeile 173-202, Übersetzung von Stefan Maul (2012)
Enkidu, der Wildmensch. Terrakotta-Wandverkleidung aus der Stadt Ur im heutigen Irak, ca. 2000-1800 v. Chr. (c) Osama Shukir Muhammed Amin

Dass Enkidu in dieser renommierten Übersetzung als Ur-Mensch bezeichnet wird, ist bemerkenswert. Ist das Enkidu-Abenteuer womöglich eine blasse Erinnerung an die Sprachgebung des Menschen, die sich sogleich in Verstand und Einsicht äußert? Natürlich ist der Mythos detailreich ausgestaltet, und dass Sex den Verstand fördert, kann ich aus eigener Erfahrung heraus nicht behaupten. Aber dass in der Geschichte überhaupt das Thema eines animalischen Wesens verarbeitet wird, das (auf welche Weise auch immer) menschlich wird, ist erstaunlich. Könnte hier eine Erinnerung an wahre Begebenheiten zugrunde liegen?

Da wir die Prämisse aufgestellt haben, der Mensch habe seine Sprachfähigkeit nicht allmählich, sondern ganz plötzlich erworben, unterstellen wir allen Menschen-Arten (unabhängig von ihrer anatomischen Entwicklung) geistige Primitivität, bis die Sprache kam. Die große Frage an dieser Stelle lautet: Wie genau soll der Mensch Verstand und Bewusstsein von Gott erhalten haben? Wurde in der gesamten Population auf einen Schlag eine Art göttlicher Schalter umgelegt? Oder wurde zunächst wenigen Individuen die Sprache gelehrt, die sie dann weiter verbreiteten? Jedenfalls wäre in letzterem Szenario eine Begegnung wie zwischen Enkidu und Schamchat denkbar. Schamchat und Gilgamesch repräsentieren dann die bereits sprachfähige, von Gott angehauchte, zivilisierte Menschheit. Dagegen wäre Enkidu ein Bild für die nur durch Instinkt und Triebe gesteuerten Wesen; in der äußeren Erscheinung menschlich, aber noch tierisch im Geist. Die Nummer zwischen Dirne und Wildmensch meint zweifellos die Einführung in die menschliche Kultur.

Bisher mögen diese Überlegungen wie die Spinnerei eines frommen Fantasy-Liebhabers klingen, der ich zugegebenermaßen bin. Doch die These wird gestützt von einer sagenhaften Überlieferung, die mir keine Ruhe lässt, seit ich zum ersten Mal davon gehört habe. Der Rest dieses Beitrags wird sich mit dieser Tradition befassen, die man gleichermaßen auf uralten Keilschrift-Tafeln, in der jüdisch-christlichen Bibel und im Geschichtswerk eines heidnischen Priesters aus Babylon findet. Die Rede ist von den 10 mythischen Königen, die angeblich vor der großen Sintflut regiert haben sollen. In deren Tagen soll jedes kulturelle Wissen direkt aus dem Himmel herabgesandt worden sein. Die Altvorderen hatten sehr konkrete Vorstellungen davon.

Ein babylonischer Priester und die Legende der Fischmenschen

Um 330 v. Chr., zur Zeit Alexanders des Großen, lebte in Babylon ein Marduk-Priester namens Berossos. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte seines Volkes für die Griechen zugänglich zu machen. Als Leiter des babylonischen Esagila-Tempels hatte Berossos dafür sicher die nötige Kompetenz sowie Zugang zu allen heiligen Texten und historischen Urkunden. Es ist unendlich schade, dass sein Werk, die Babyloniaka, im Nebel der Vergangenheit verloren ging. Immerhin blieben Fragmente bei anderen Geschichtsschreibern erhalten, die Berossos zitiert oder als Quelle benutzt haben. So heißt es in der Chronik des Kirchenvaters Eusebius von Cäsarea aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.:

„Was Berossos alles in seinem ersten Buch schrieb, werde ich berichten […]. In Babylonien gab es eine große Zahl Völker unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die Chaldäa besiedelt hatten. Sie lebten ohne Disziplin und Ordnung, gleich Tieren. Im ersten Jahr erschien aus dem Roten Meer (dem Persischen Golf), in einer Gegend, die an Babylonien angrenzt, ein furchterregendes Monster namens Oannes […] Es hatte den Körper eines Fisches, aber unterhalb und verbunden mit dem Kopf des Fisches war noch ein anderer, menschlicher Kopf. Und verbunden mit der Schwanzflosse des Fisches hatte es Füße, wie die eines Menschen, und es hatte eine menschliche Stimme. Seine Gestalt blieb in Skulpturen bis auf den heutigen Tag bewahrt. Berossos sagt, dass dieses Monster seine Tage mit den Menschen verbrachte, nie etwas aß, aber den Menschen alle Fähigkeiten beibrachte, die für das Schreiben nötig waren, und für Mathematik und alle Arten des Wissens: Wie man Städte baut, Tempel gründet und Gesetze festlegt. […] Kurz gesagt, es lehrte die Menschen alle Dinge, die dem sesshaften, zivilisierten Leben dienlich sind. […]

Apollodor berichtet, dass Berossos [in seinem zweiten Buch] sagte, der erstes König Babylons sei Aloros gewesen. Er war ein Chaldäer, der 10 Saroi regierte. Ein Saros besteht aus 3.600 Jahren […]. Alaparos regierte danach, und dann Amelon aus der Stadt Pautibiblion [das ist Bad-tibira]. Nach Amelon regierte Ammenon der Chaldäer. Während seiner Herrschaft erschien das Monster Oannes, der Annedotos, aus dem Roten Meer. Alexander Polyhistor behauptet, er sei bereits im ersten Jahr [unter Aloros] erschienen […]. Nach Ammenon regierte Amegalaros aus Pautibiblion 18 Saroi. Nach ihm kam die Herrschaft von Daonos, dem Schafhirten aus der Stadt Pautibiblion, für 10 Saroi. Während seiner Herrschaft, so Berossos, seien wieder Monster erschienen, vier von ihnen, aus dem Roten Meer […], eine Mischung aus Mensch und Fisch. Dann regierte Euedorankhos aus Pautibiblion für 18 Saroi. Während seiner Herrschaft erschien wiederum ein Fisch-Mensch aus dem Roten Meer, dessen Name Odakon war. […] Dann kam die Herrschaft von Amempsinos, des Chaldäers aus Larankhos. Er war König für 18 Saroi. Dann kam die Herrschaft von Otiartes, eines Chaldäers aus Larankhos. Er regierte 8 Saroi. Nach dem Tod des Otiartes regierte sein Sohn Xisouthros [das ist Ziusudra] 18 Saroi. Während seiner Herrschaft geschah die große Flut. Insgesamt waren es 10 Könige, 120 Saroi.“

Eusebius von Cäsarea (Aus: „Berossos and Manetho“, Verbrugghe & Wickersham, S. 43-48, Übers. aus dem Englischen von mir)
Wahrscheinliche Darstellung eines Apkallu-Weisen am Palast der Stadt Nimrud sowie eine Nachzeichnung ihres Ausgräbers: Sir Austen Henry Layard.

Obwohl Eusebius die Parallele zur biblischen Sintflut betont, warnt er als guter Christ ausdrücklich vor dem unglaubwürdigen Schwachsinn, den die Babylonier hier verzapfen. Kein Wunder angesichts der utopischen Regierungszeiten. Wenn die Übertragung eines Saros in 3.600 Jahre korrekt ist, überspannt die Gesamt-Regierungsdauer dieser Könige immerhin 432.000 Jahre. Während der Herrschaft dieser Männer seien – je nach Interpretation – sechs oder sieben weise Monster erschienen, wobei deren Auflistungen bei den „zwischengeschalteten“ Historikern Apollodor, Abydenus und Polyhistor etwas voneinander abweichen. Die nebulösen Fischmenschen, die von den Babyloniern Apkallu („Weise“) genannt wurden, sollen den Menschen auf ganz natürlichem Wege durch Unterweisung jede Wissenschaft und jedes Handwerk beigebracht haben.

Lange Zeit blieb es ein Mysterium, woher Berossos sein Wissen um die Fischmenschen hatte. Erst im Jahr 1960 wurde im Tempelkomplex Bit Resch der Stadt Uruk eine sumerische Keilschrift-Tafel (W 20030, 7) aus seleukidischer Zeit (ca. 165 v. Chr.) gefunden, die den Hintergrund von Berossos‘ Fischleuten offenbart. Auf dem wertvollen Dokument werden sieben Weise genau sieben Königen zugeordnet. Letztere entsprechen exakt den sieben ersten Königen, die Berossos nennt! Zwar liefert uns der Babylon-Priester stark entstellte, griechische Namens-Variationen, doch alle lassen sich lautlich und etymologisch plausibel auf die sumerischen Namens-Formen zurückführen. Damit ist klar: Die Apkallu-Fischmenschen der Babyloniaka entstammen einer sehr alten, sumerischen Tradition, die von sieben göttlichen Beratern der vorsintflutlichen Könige zu berichten wusste. Der griechische Name des ersten Weisen, Oannes, erinnert sogar noch im Klang an sein sumerisches Vorbild: U-an. Hier eine Übersicht der korrespondierenden Listen:

Ein weiteres Keilschrift-Artefakt wurde in der ausgegrabenen Bibliothek des neuassyrischen Königs Assurbanipal (685–631 v. Chr.) in Ninive gefunden. Darauf sind akkadische Beschwörungs-Formeln eingeschlagen, durch deren Rezitation böse Geister (Krankheiten) abgewendet werden sollten. Mit den folgenden Zeilen bat der Leidende bzw. ein Priester die sieben Apkallu um Schutz und Heilung:

„Beschwörung. U-Anna, der die Pläne des Himmels und der Erde vollendet, U-Anne-dugga, dem ein umfassender Verstand verliehen ist, Enmedugga, dem ein gutes Geschick beschieden ist, Enmegalamma, der in einem Hause geboren wurde, Enmebu-lugga, der auf einem Weidegrund aufwuchs, An-Enlilda, der Beschwörer der Stadt Eridu, Utuabzu, der zum Himmel emporgestiegen ist, die reinen puradu-Fische, die puradu-Fisch des Meeres, ihrer sieben, die sieben Weisen, die im Flusse entstanden sind, die die Pläne des Himmels und der Erde lenken. […]”

Aus: Rykle Borger, Die Beschwörungsserie Bīt mēseri und die Himmelfahrt Henochs, Journal of Near Eastern Studies Vol. 33, No. 2 (April 1974), S. 183-196, The University of Chicago Press

Wie wir sehen werden, sticht das Profil des ersten und siebten Weisen besonders heraus. Bereits Berossos bemerkte in seinem Geschichtswerk, dass nach Oannes im Grunde nichts Neues mehr erfunden wurde, sondern dass die nachfolgenden sechs Weisen das vorhandene Wissen nur noch in Erinnerung riefen und vertieften. Die Himmelfahrt des Utuabzu bildet das Ende der Ära.

Ein weiteres Puzzlestück fügt sich durch eine andere Inschrift aus der Ninive-Bibliothek, die von Wilfred G. Lambert („Enmeduranki and Related Matters“, 1967) publiziert und analysiert wurde. Darin führt der babylonische König Nebukadnezar I. (um 1120 v. Chr.) seine Herkunft auf den legendären Enmeduranki (gr. Euedoranchos) zurück, in dessen Tagen der siebte Apkallu seine Himmelfahrt abgezogen hat. Nebukadnezar beschreibt seinen „Vorfahren“ als sitzend vor dem Sonnengott Šamaš und dem Wettergott Adad, von denen er die Geheimnisse des Himmels erfährt sowie die „Göttertafeln“ erhält. Wie es scheint, durfte König Enmeduranki seinen Weisen Utuabzu in den Himmel begleiten! Der übermütige Nebukadnezar sah sich als kosmischer Ordnungshüter, dessen Autorität über Utuabzu und Enmeduranki direkt von den großen Göttern kam.

Inschriften aus einer Zeit vor der Sintflut

Das Weld-Blundell-Prisma mit der sumerischen Königsliste (c) Ashmolean Museum, Oxford, AN1923.444

Unser bisheriges Wissen zu den zehn Königen und sieben Weisen war durchweg babylonisch geprägt. Da die Tradition aber offensichtlich auf die viel früher lebenden Sumerer zurückgeht, wäre es doch schön, eine Bestätigung durch Originaltexte in deren Sprache zu haben. Nun, die haben wir. Und was für Prachtstücke. Eine ganze Reihe Keilschrift-Tontafeln enthält die berühmte sumerische Königsliste, eine Folge mesopotamischer Herrscher und deren Regierungsjahre in einer Zeitspanne von ca. 3000 – 1800 v. Chr.

Zwei Textvertreter sind von besonderer Bedeutung: Ein monumentales Keilschrift-Prisma (WB-444) und ein kleineres Bruchstück (WB-62). Beide wurden in der altertümlichen Stadt Larsa gefunden (dem heutigen Ruinenhügel Tell as-Senkereh im Irak) und benannt nach ihrem Ausgräber Herbert Weld Blundell.

Auf dem vierseitig behauenen Prisma WB-444 ist den langen Königslisten aus historischer Zeit eine Sektion mit acht mythischen Königen vorangestellt. Vor der alles vernichtenden Sintflut sollen sie in fünf Städten über immense Zeiträume geherrscht haben:

Als das Königtum vom Himmel herabkam, war das Königtum in Eridu.
Alulim regierte 28.800 Jahre.
Alalgar regierte 36.000 Jahre.
Dann fiel Erdu und das Königtum kam nach Bad-tibira.
En-men-lu-ana regierte 43.200 Jahre.
En-men-gal-ana regierte 28.800 Jahre.
Der göttliche Dumuzi, ein Schafhirte, regierte 36.000 Jahre.
Dann fiel Bad-tibira und das Königtum kam nach Larak.
En-sipa-zi-ana regierte 28.800 Jahre.
Dann fiel Larak und das Königtum kam nach Zimbir.
En-men-dur-ana regierte 21.000 Jahre.
Dann fiel Zimbir und das Königtum kam nach Šuruppak.
Ubar-Tutu regierte 18.600 Jahre.
Acht Könige regierten ihre 241.200 Jahre. Dann fegte die Flut herüber.

Aus: Thorkild Jacobsen, The Sumerian King List, University of Chicago, S. 71ff, Chicago 1939 (Übers. aus dem Englischen von mir)

Das ist der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind. Im sumerischen Denkhorizont war das Königtum der Inbegriff zivilisierten Lebens. Es sei einst von den Göttern selbst gegeben worden, natürlich in die Stadt Eridu, die als Ort der Menschen-Schöpfung galt. Die fünf Städte scheinen vor der Sintflut wichtige politisch-religiöse Zentren gewesen zu sein, während ihr Einfluss nach der großen Katastrophe schwand.

Im Keilschrift-Text sind die Altersangaben natürlich nicht in Jahren vermerkt, sondern in SAR und NER, was den Saroi bei Berossos entspricht. Sumerer und Babylonier rechneten im Sexagesimal-System, die Basis ihres Stellwertsystems war also nicht 10, sondern 60. Wie schon Eusebius bemerkte, ist ein SAR die Einheit mit dem Wert 3.600, während ein NER für 600 steht.

Die schwer beschädigte Tafel WB-62 enthält nur den vorsintflutlichen Abschnitt, liefert aber zwei weitere Könige – insgesamt also zehn. Basierend auf den Publikationen von Stephen Langdon (The Chaldean Kings before the Flood, 1923) und William Foxwell Albright (The Babylonian Antediluvian Kings, 1923) sowie der Standard-Ausgabe von Thorkild Jacobsen (The Sumerian King List, 1939) kann man die Regenten dergestalt zusammenfassen:

Ein Vergleich der beiden Listen zeigt eine zusammenhängende Tradition, aber auch den Einfluss späterer politischer Interessen. Ein Zweck von WB-62 schien gewesen zu sein, die Autorität zweier Könige von Larsa zu untermauern, indem sie an Position 3+4 in eine Reihe mit den mythischen Kultur-Bringern gestellt wurden. Die Namen der beiden Schlawiner sind kaum mehr zu entziffern; geschieht ihnen Recht, wo sie doch die ursprünglichen Könige an dieser Position überschreiben bzw. verschieben ließen.

Berossos scheint für sein Geschichtswerk auf die Tradition von WB-62 zurückgegriffen zu haben: Die Gesamtzahl der 10 Könige stimmt überein und die Dauer von 120 SAR passt in der Größenordnung gut zu den 126 Saroi der Keilschrift-Quelle. Vermutlich lag ihm eine Ur-Version der Königsliste vor, denn er war kundig genug, die beiden Larsa-Könige zu ignorieren. Was die Namen und die Reihenfolge der Könige betrifft, hatte für Berossos eindeutig die Uruk-Liste mit den sieben Königen und Weisen Priorität.

Ziusudra/Noah an Bord der Arche. (c) The Bible Miniseries von Roma Downey & Mark Burnett

Erstaunlich ist, dass der berühmte Ziusudra von Šuruppak, der „babylonische Noah“, in WB-444 nicht genannt wird, sondern nur eine nüchterne Notiz der Flut. Allerdings gilt der achte König (Ubar-Tutu) in der sumerischen Mythologie als Ziusudra’s Vater.

Unter Berücksichtigung aller Indizien liegt der Schluss nahe, dass die alten Sumerer im Lauf der Jahrtausende zwei ursprüngliche Traditionen vermischt haben: Den Mythos der sieben Könige und Fischmenschen und den Mythos der Sintflut. Von den zwei Weld-Blundell-Listen überliefert wahrscheinlich WB-444 die ursprünglichere Version, obwohl sie rund 200 Jahre später angefertigt wurde. In WB-62 ist die Šuruppak-Dynastie bereits angefügt und die Verschmelzung mit der Sintflut-Mythologie abgeschlossen. Es ist anzunehmen, dass die ursprüngliche Königsliste mit Enmendurana von Sippar endete, der natürlich kein anderer ist als der himmelsreisende Enmeduranki.

Der Stammbaum Adams

Der dritte eingangs erwähnte Traditions-Strang der zehn vorsintflutlichen Könige findet sich in jeder Bibel im ersten Buch Mose (Genesis). In dem hebräischen Text sind die zehn Männer keine Könige, sondern Patriarchen, also Stammväter der Menschheit. Sie bilden ausdrücklich eine genealogische Linie vom ersten erschaffenen Menschen Adam bis zum Sintflut-Helden Noah. Ihre Altersangaben sind immens, aber im Vergleich zu den sumerischen Texten geradezu realistisch:

„Dies ist das Buch der Generationenfolge Adams.
An dem Tag, als Gott Adam schuf, machte er ihn Gott ähnlich. […]

Und Adam lebte 130 Jahre und zeugte [einen Sohn] ihm ähnlich, nach seinem Bild, und gab ihm den Namen Set. […]
Und alle Tage Adams, die er lebte, betrugen 930 Jahre, dann starb er.

Und Set lebte 105 Jahre und zeugte Enosch. […]
Und alle Tage Sets betrugen 912 Jahre, dann starb er.

Und Enosch lebte 90 Jahre und zeugte Kenan. […]
Und alle Tage von Enosch betrugen 905 Jahre, dann starb er.

Und Kenan lebte 70 Jahre und zeugte Mahalalel. […]
Und alle Tage Kenans betrugen 910 Jahre, dann starb er.

Und Mahalalel lebte 65 Jahre und zeugte Jered. […]
Und alle Tage Mahalalels betrugen 895 Jahre, dann starb er.

Und Jered lebte 162 Jahre und zeugte Henoch. […]
Und alle Tage Jereds betrugen 962 Jahre, dann starb er.

Und Henoch lebte 65 Jahre und zeugte Metuschelach. […]
Und alle Tage Henochs betrugen 365 Jahre.
Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg.

Und Metuschelach lebte 187 Jahre und zeugte Lamech. […]
Und alle Tage Metuschelachs betrugen 969 Jahre, dann starb er.

Und Lamech lebte 182 Jahre und zeugte einen Sohn. Und er gab ihm den Namen Noah, indem er sagte: Dieser wird uns trösten über unserer Arbeit und über der Mühsal unserer Hände von dem Erdboden, den der HERR verflucht hat. […] Und alle Tage Lamechs betrugen 777 Jahre, dann starb er.

Und Noah war 500 Jahre alt; und Noah zeugte Sem, Ham und Jafet.“

1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 5 (ELB)

Inmitten der stets gleich lautenden Formulierung von Zeugung und Tod haben der erste, siebte und zehnte Patriarch besonders „Profil“. Adam wird erschaffen, Henoch zum Himmel entrückt und Noah wird der Sintflut-Held. Der geneigte Leser wird die frappierenden Parallelen zur sumerisch-babylonischen Tradition bereits erkannt haben:

Henoch, der „Siebente von Adam an“ (vgl. Judasbrief 14), ist König Enmeduranki der Sumerer! Sein hebräischer Name lässt sich auf die Wortwurzel HNK zurückführen, das bedeutet einweihen. Ein durchaus passender Name für jemanden, dem göttliche Geheimnisse zuteil wurden – und der anschließend seine Mitmenschen einweihen durfte.

Durch die jüdisch-christliche Tradition wurde die Himmelsreise des siebten Patriarchen im äthiopischen Henochbuch fantasievoll ausgearbeitet. Die apokalyptische Schrift aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. ist (abgesehen vom Kanon der äthiopischen Kirche) nicht Teil der Bibel und bildet eine Art Sammlung unterschiedlich alter Henoch-Traditionen. Darin wird so ziemlich jedes Mysterium des Diesseits und des Jenseits behandelt: Henoch weiß Bescheid über den Fall der bösen Engel, die Sintflut, die sieben Erzengel, die Bereiche der Unterwelt, das kommende Endgericht, den astronomischen und kosmischen Aufbau des Universums, und so weiter. Aber erst vor dem sumerischen Hintergrund wird deutlich, dass die ganze Story auf die Legende der sieben Apkallu zurückgeht, die den Menschen das Mensch-Sein brachten.

Die Sonnengott-Tafel (9. Jahrhundert v. Chr.) aus Sippar befindet sich heute im British Museum. (c) Osama Shukir Muhammed Amin

365 Jahre alt sei Henoch laut dem hebräischen Text gewesen, als er gen Himmel entrückt wurde. Das entspricht der Anzahl Tage eines Sonnenjahres. Ein seltsamer Zufall, wo doch Enmeduranki in den sumerischen Königslisten aus der Sonnenstadt Sippar stammt, die den Tempel des Šamaš beherbergt – Der Sonnengott, von dem Enmeduranki die Göttertafeln erhalten haben soll.

Was uns zu einer entscheidenden Verständnisfrage führt: Will der Text wirklich sagen, diese Männer hätten jeweils ein knappes Jahrtausend durchlebt? Oder tragen diese Altersangaben eine symbolische Bedeutung, die uns heute verloren gegangen ist? Einen Hinweis darauf haben wir bereits gefunden, aber es gibt noch mehr. Nehmen wir Lamech, der mit 777 Jahren das Zeitliche gesegnet haben soll. Ist es Zufall, dass ein Kapitel vorher von einem (anderen) Lamech gesagt wird: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“ (Genesis Kapitel 4,24)?

Die spannendste Beobachtung scheint mir aber folgende: Jede genannte Zahl endet mit der Ziffer 0, 2, 5, 7 oder 9. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geburts- und Todestage in der Realität alle einem solchen Schema entsprechen, liegt bei etwa 1 zu 4000. Es könnte aber sein, dass die Zahlen einst in einem unbekannten Zahlensystem überliefert wurden und dort gerundet waren. Bei der Übertragung in unser Dezimalsystem wäre der Rundungswert verloren gegangen, und übrig blieben die Endziffern, die beim modernen Leser nur noch Kopfkratzen verursachen.

Die Seltsamkeiten gehen weiter, wenn man die unterschiedlichen Textüberlieferungen der Genesis betrachtet. In der Septuaginta (der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel) stehen nämlich abweichende Altersangaben, und zwar so, dass abgesehen von Jered, Lamech und Metuschelach jeder Sohn exakt 100 Jahre später gezeugt wurde. Im samaritischen Pentateuch lassen sich sogar noch heftigere Abweichungen feststellen. Es ist offensichtlich, dass diese Zahlen mit einer gewissen Leichtigkeit verändert wurden. Aber das bedeutet nicht, dass sie falsch sind, sondern es bedeutet vielleicht nur, dass wir sie falsch verstehen. Womöglich wollten diese Altersangaben niemals historische Fakten überliefern, sondern hatten von vorn herein qualitative statt quantitative Bedeutung. Hier noch einmal in der Übersicht:

Eine vergessene Kosmogonie

Wie ist es zu erklären, dass zwischen Genesis und Berossos ein so eklatanter Unterschied in der Größenordnung der Altersangaben besteht? Auf den ersten Blick besteht überhaupt kein Zusammenhang. Doch bereits Jules Oppert, einer der ersten Sumer-Forscher, hielt in einem Beitrag für die Jewish Encyclopedia (1906, S. 66) eine interessante Beobachtung fest: Die Dauer der vorsintflutlichen Epoche gründet bei Hebräern und Babyloniern gleichermaßen auf dem Wert 86.400, der Anzahl Sekunden eines Tages. Jedoch verband jede Kultur eine andere Einheit mit diesem Wert. Schauen wir uns das im Einzelnen an:

Da in der babylonischen Mathematik mit der Basis 60 gerechnet wurde, gab es auch eine gängige Einheit, die speziell 60 Monate bezeichnete. Wie die Babylonier diese Einheit genannt haben, wissen wir nicht, aber in der römischen Antike war sie als Lustrum bekannt. Ein Lustrum meint also einen Zeitraum von 5 Jahren – ein Jahrfünft. Es entspricht exakt der Basis von 60 Monaten. Vielleicht lag Berossos ein sagenhaft altes Dokument vor, das für die Epoche der alten Welt den Zeitwert „86.400“ angab. Der gute Mann wird aufgrund seiner kulturen Prägung angenommen haben, dass 86.400 Lustra gemeint sind. Also rechnete er für seine griechischen Zeitgenossen kurzerhand um und heraus kamen 86.400 x 5 = 432.000 Jahre. Nach welchen Kriterien er diese Zeitspanne auf seine 10 Könige verteilte, bleibt leider ein Geheimnis.

Steintafeln mit Bibeltexten (c) The Bible Miniseries

Ein hebräischer Schreiber, der sich über das gleiche Dokument wie Berossos den Kopf zerbrach, wäre wahrscheinlich zu einem anderen Schluss gekommen. Die Hebräer waren es gewohnt, ihre Chronologie in siebener-Blöcke einzuteilen. Im jüdischen Buch der Jubiläen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. wird das ebenso deutlich wie in der Sieben-Tage-Schöpfung am Anfang der Genesis. Der Hebräer wäre deshalb wahrscheinlich von 86.400 Wochen ausgegangen; nicht zuletzt weil das einen halbwegs vorstellbaren Zeitrahmen ergäbe. Die Länge eines Sonnenjahres (tropisches Jahr) beträgt ca. 365,24 Tage, oder etwa 52,17 Wochen. Durch Umrechnung der Wochen (86.400 / 52,17) und anschließende Abrundung erhält man die 1656 Jahre des Bibeltextes. Das bedeutet: Die Zahlen aus Bibel und Babylon sind literarisch voneinander abhängig und basieren wahrscheinlich auf einer verlorenen Ur-Quelle!

Wie aber lassen sich die 241.200 Jahre aus der sumerischen Königsliste WB-444 erklären? Auch dazu gibt die Jewish Encyclopedia (S. 66) einen Hinweis: Eine der chaldäischen (babylonischen) Schulen habe die Welt in sieben Perioden zu je 240.000 Jahren eingeteilt, insgesamt also 1.680.000 Jahre. Dabei repräsentiert jeder Abschnitt von 10.000 Jahren eine Stunde im Schöpfungshandeln Gottes. Die sieben Weltzyklen entsprechen sozusagen den sieben Schöpfungstagen der Genesis; 240.000 Jahre aber einem Schöpfungstag (7 x 240.000 = 1.680.000). Gut möglich, dass die 241.200 Jahre der Königsliste auf diese Vorstellung zurückgehen. Dann wären in der ursprünglichen, kosmologischen Konzeption die 241.200 Jahre ein Tag im Schöpfungshandeln Gottes.

Wir haben bereits gesehen, dass die mesopotamische Tradition in den 10 Königen den Beginn menschlicher Zivilisation sieht. Die sumerische Königsliste kann insofern als Schöpfungstext verstanden werden! Der göttliche Tag aus 241.100 Jahren entspricht dem sechsten Tag aus der ersten biblischen Schöpfungserzählung, der Erschaffung des Menschen. Hier eine finale Übersicht mit eingezeichneten Parallelen:

Ein unheilvoller Tod

Anthony Hopkins als greiser Metuschelach im Film „Noah“ von Darren Aronofsky

Wie bereits erwähnt, scheint in der sumerischen Königsliste die Tradition der sieben Kulturbringer-Könige und ihrer Apkallu-Fische mit dem Mythos der großen Flut kombiniert worden zu sein. Auf den hebräischen Text übertragen würde die eine Tradition von Adam bis Henoch gehen, während Metuschelach, Lamech und Noah die Repräsentanten der Sintflut-Geschichte sind. Man wird einwenden, dass im Genesis-Stammbaum aber gar nichts auf Metuschelach’s Verbindung mit dem Sintflut-Mythos hindeutet. Nun, das stimmt nicht ganz. Ein verstecktes Detail verrät, dass schon jener Patriarch, der im deutschen den Namen Methusalem trägt und als Sinnbild des Alters in die Geschichte einging, ursprünglich zur Sintflut-Mythologie gehört haben muss.

Der Name Metuschelach (hebr. מתושלח „metu-šelach“) bedeutet übersetzt „sein Tod wird senden“. Ein geheimnisvoller Name, ja womöglich eine Art Vorsehung? Was soll sein Tod senden? Des Rätsels Lösung liegt in Metuschelach’s Alter. Rechnen wir aus, wie viele Jahre vor der Sintflut Noahs Großvater geboren wurde: 187 + 182 + 500 + 100 = 969 Jahre. Das ist exakt sein Todesalter! Der alte Mann ist im Jahr der Sintflut verstorben. Sein Tod würde die Sintflut bringen. Insofern ist Metuschelach als „Auslöser“ der Sintflut eng mit dem Mythos verwoben.

Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, ob es sich hierbei um eine echte, uralte Prophezeiung (der Apkallu?) handelt, oder ob die Namen und Altersangaben von späteren Tradenten passend gemacht wurden. Zumindest gibt es Hinweise darauf, dass die Liste zu einem bestimmten Zweck überarbeitet wurde, nachdem die beiden Traditionen (Apkallu+Sintflut) vereinigt wurden: Liest man die Bedeutung der zehn Patriarch-Namen hintereinander weg, ergibt sich eine bemerkenswerte Botschaft: „[Dem] Menschen [ist] bestimmt Sterblichkeit und Klage, [doch] der gepriesende Gott steigt herab [und] lehrt, [dass] sein Tod bringt für [die] Erniedrigten Ruhe.“

In den zehn Namen ist das ganze Bestreben Gottes programmatisch verewigt. Seit den frühesten Tagen der Menschheit sind wir darauf angewiesen, dass Gott auf die Erde herabsteigt und unsere Nähe sucht. Der Mensch ist auf Gott hin angelegt. Diese Abhängigkeit wird mit den zehn Namen ausgedrückt, die sich durch den ganzen äonischen Schöpfungs-Tag ziehen. Der Mensch ist von Anfang an ein Bedürfnis-Wesen, das seine vollständige Erfüllung (Ruhe) nur in der Begegnung mit Gott finden wird.

Was zu einer sehr wichtigen Frage führt: Um welchen Gott geht es hier eigentlich?

Heil Enki von Eridu!

Wenn der Apkallu-Mythos tatsächlich eine der ältesten Überlieferungen der Menschheit ist, sollten wir davon ausgehen, dass die Vorstellung von Fischmenschen, die aus dem Meer heraussteigen, bereits ein Zerrbild der ursprünglichen Idee darstellt. Steht hinter all diesen Mythen womöglich eine ganz grundlegende Gottesvorstellung, die Hebräer und Sumerer verbindet? Lässt sich eine göttliche Ur-Kraft erkennen, die die sieben Apkallu-Weisen zu den Menschen sandte? Und in deren Auftrag innerhalb eines äonischen Schöpfungs-Tages das „Königtum vom Himmel herabkam“?

Betrachten wir dazu in einem letzten Schritt, welche Gottesvorstellung den ältesten Schichten der sumerischen Religion zugrunde liegt – noch bevor sie durch den Einfluss semitisch-akkadischer Mythologie verzerrt wurde. Gut möglich, dass uns da einiges bekannt vorkommen wird.

Eine im sumerischen Denken von Anfang an fest verankerte Vorstellung ist die eines unterirdischen Süßwasser-Ozeans, aus dem sich Quellen, Flüsse und Seen speisen. Dieses Grundwasser nannten die Sumerer Abzu („tiefes Wasser“). Nun gab es eine Stadt in Sumer, deren Anfänge bis in die nebulöse Obed-Zeit (ca. 5500–3500 v. chr.) reichen: Eridu, die älteste Stadt der Menschheit, jene Stadt aus den sumerischen Königslisten, in die das Königtum zuerst gegeben wurde. In ihren Anfängen handelte es sich eher um ein Dorf, das im Sumpfland am Ufer des Persischen Golfs inmitten von idyllischem Schilfrohr um eine Tempel-Anlage herum wuchs. Wahrscheinlich war Eridu das wichtigste religiöse Zentrum Sumers.

Durch den allmählichen Rückgang des Meeres findet man Eridus Ausgrabungsstätte heute weit im Landesinneren. Bei der Erforschung des Grabungshügels wurden 18 (!) übereinander liegende Gebäude-Schichten freigelegt; so oft wurde der Tempel neu errichtet oder wiederhergestellt. Insgesamt überspannte der Eridu-Tempel einen Zeitraum von ca. 2.000 Jahren. In der Ur-III-Zeit (ca. 2100–2000 v. Chr.) wurde er sogar zu einer Zikkurat, einem Stufenturm, ausgebaut. Am Eingang des Eridu-Tempels, der auch e-abzu („Haus des Grundwassers“) genannt wurde, befand sich ein Frischwasserbecken. Dort wurden Überreste zahlreiche Fischgräten gefunden, was auf einen Opferkult hinweist. In diesem Tempel (man sollte fast Tümpel sagen) wohnte der Gott Enki.

Enki auf einem Zylinder-Siegel aus Sippar (ca. 2300 v. Chr., British Museum, BM 89115)

Enki von Eridu galt als Gott des Frischwassers und der Weisheit. Er ist es, der den Königen géštu gibt, was so viel wie Ohr bedeutet, aber sinngemäß Verständnis, Wissen, (praktische) Fähigkeiten, Handwerk und Weisheit meint. Auf Tontafel-Reliefs wurde er häufig anthropomorph (menschen-ähnlich) und mit den Flüssen Euphrat und Tigris dargestellt, die von seinen Schultern herabströmen. In anderen Darstellungen wird er als Steinbock oder Ziegenfisch dargestellt – ja, halb Fisch, halb Ziege.

Bei den akkadisch geprägten Babyloniern war Enki unter dem Namen Ea bekannt. Aus etymologischer Sicht kommt der Name Ea von der semitischen Wortwurzel hyy und bedeutet leben. Der erste Teil dieses Namens wird mit dem Keilschrift-Zeichen HA dargestellt, das einfach nur Fisch bedeutet und auch wie ein solcher aussieht. Der früheste Kult in Eridu war offensichtlich der eines Fisch-Gottes! Spannend ist, dass in Mesopotamien ab frühdynastischer Zeit ein Gott namens Haja bekannt ist, der verdächtig viele Gemeinsamkeiten zu Enki aufweist. Auch sein Name beruht auf der Wortwurzel hyy. Deshalb wurde vermutet, dass Haja und Ea beides Varianten einer archaischen, vielleicht vor-sumerischen Gottheit sind, die von Sumerern und Akkadern jeweils in ihr eigenes Pantheon integriert wurden.

Fassen wir zusammen: Da stand ein Fisch-Tempel am Rand des persischen Golfs, jenes Meeres, aus dem laut Berossos die sieben Weisen Fisch-Menschen emporgestiegen waren. Darin wohnte ein Gott der Weisheit und des Lebens, der den Menschen ihre geistigen Fähigkeiten vermittelt. Wenn das kein Zufall ist. Im akkadischen Erra-Epos (1. Jahrtausend v. Chr.) findet man explizit die Verbindung zwischen dem Gott und den Apkallu: „Wo sind die sieben Weisen, die reinen puradu-Fische, die gleich Ea, ihrem Herrn, mit erhabenem Verstand ausgestattet sind …?“ (Erra-Epos, Tafel I, 162). Enki, der Herr des Lebens, ist die treibende Kraft hinter den sieben Weisen und der Ursprung der gesamten Königslisten-Mythologie.

Vater und Sohn: Kultur-übergreifender Henotheismus?

Zwar gab es im sumerischen Pantheon zahlreiche Götter (und Göttinnen!), doch Enki war unangefochten die oberste Schöpferkraft und der einzige echte Menschenfreund unter den Himmelsmächten. Über Enki stand eigentlich nur sein Vater An, der Himmelsgott. Der hält sich in den sumerischen Mythen aber derart im Hintergrund, dass er als Deus otiosus („untätiger Gott“) bezeichnet wird. Er stellt den Anfang aller Dinge dar und ist die Ur-Kraft der Welt, hat aber kaum direkten Einfluss auf dieselbe. Auf Tonsiegeln wurde An niemals in Menschengestalt abgebildet. Der Sohn hingegen ist unmittelbar mit dem Schicksal der Menschen verbunden. Von ihm kam laut Atrahasis-Epos (frühes 2. Jahrtausend v. Chr.) die Idee zur Menschen-Schöpfung. Enki formte gemeinsam mit der Muttergöttin Ninhursanga den ersten Menschenkörper aus Lehm. Und Enki war es, der Ziusudra vor der drohenden Sintflut warnte. (Der relativ populäre Gott Enlil ist wahrscheinlich ein akkadischer Import-Schlager und gehörte nicht zum ursprünglichen sumerischen Pantheon; siehe Jan Lisman, At the beginning. Cosmogony, theogony and anthropogeny in Sumerian texts, 2013, S. 67).

Wir sehen: Innerhalb des sumerischen Polytheismus wurde eine oberste Götterfamilie aus Vater und Sohn verehrt. In unserem Sprachgebrauch hätten allein diese beiden den exklusiven Titel Gott verdient, da nur sie echte Schöpfer waren. An erschuf und befruchtete unsere Welt, während Enki die Menschheit ins Leben rief. Allen anderen Göttern fehlte diese Gabe; selbst die zahlreichen Muttergöttinnen konnten nur mit Enki’s Hilfe Leben hervorbringen. Man sollte sie fast als „Untergötter“ oder „göttliche Geistwesen“ bezeichnen.

An und Enki ergänzen sich und bilden dadurch gewissermaßen eine Einheit: Das Wesen der Gottheit strahlt vom Himmel (An) auf die Erde (Ki). Die sumerische Religion lässt sich als eine Art Henotheismus verstehen: An und Enki bildeten die oberste, in ganz Sumer anerkannte Elite, während die restlichen Götter (Utu, Inanna, Dumuzi, Ninhursanga, ….) zumeist nur lokal verehrt wurden.

Ist das Wesen der Gottheit für Menschen begreiflich? (c) Icons of the Bible Art

Bei genauerem Hinsehen erkennt man Unterschiede, aber auch erstaunliche Gemeinsamkeiten mit dem hebräischen Gottesbild. Zunächst einmal gilt selbstverständlich: „JHWH ist unser Gott, JHWH allein“ (5. Mose 6,4). Auch ich persönlich stehe voll und ganz hinter diesem Bekenntnis, um das zwischendurch einmal klarzustellen.

Trotzdem gibt es im hebräischen Monotheismus eine begriffliche Abgrenzung zwischen dem verborgenen, ungreifbaren Gott und seinem manifestierten, zeitlich fassbaren Wirken auf Erden. Besonders aus den aramäischen Übersetzungen (den Targumim) der hebräischen Bibel kennt man das Konzept des Memra (griechisch Logos). Der Begriff ist schwer zu fassen, lässt sich aber vereinfacht beschreiben als die Weisheit Gottes und sein ewiges Denken, das im Zuge der Schöpfung aus ihm herausströmt. Oft wird Memra auch als personifiziertes Wort Gottes umschrieben und immer dann verwendet, wenn eine anthropomorphe Darstellung Gottes vermieden werden soll.

Die frühen Christen des ersten Jahrhunderts waren davon überzeugt, dass Jesus aus Nazaret niemand anderes als das fleischgewordene Memra war (siehe Johannes 1,1-14). Man findet also auch im jüdisch-christlichen Glauben, wenn man so will, einen himmlischen und einen irdischen Aspekt der Gottheit.

Freilich wird auch diese Vorstellung dem Wesen der Gottheit mitnichten gerecht. Der Ewige sprengt alles, was wir im Verstand fassen können. Gottes Wind weht, wo er will (vgl. Johannes 3,8). Die Dynamik seines göttlichen Geistes wird in der biblischen Apokalyptik veranschaulicht: „Und aus dem Thron [Gottes] gehen hervor Blitze und Stimmen und Donner; und sieben Feuerfackeln brennen vor dem Thron, welche die sieben Geister Gottes sind“ (Offenbarung 4,5). Sind die sieben weisen Monster aus dem Roten Meer am Ende nur ein mythologisches Bild für den Geist Gottes, der des Menschen Bewusstsein wachrief?

Sind die hebräische und sumerische Mythologie nur zwei kulturelle Verstehensformen einer göttlichen Wahrheit? Ist es denkbar, dass Enki und Memra die gleiche Person meinen?

Und damit lasse ich dich, geschätzter Leser, mit deinen Gedanken allein.