Der arme Lazarus – nur ein Gleichnis?

Sünder werden nach dem Tod in der Hölle gequält, und zwar bis in alle Ewigkeit. So steht es in der Bibel. Oder etwa nicht? Als feurigstes Argument für die Jenseits-Strafe wird meist die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus angeführt. Aber was lehrt diese Geschichte wirklich? Ein Versuch, die Hölle zu löschen.

Ein Grundpfeiler der Theologie

Die Frage nach der Hölle ist nicht nur für unsere persönlichen Zukunftsaussichten entscheidend, sondern auch für unser Gottesbild. Niemals könnte ich einem Gott Ehre erweisen, der seine Geschöpfe bewusst am Leben erhält, nur um sie zu quälen. Aber genau das scheint die Lazarus-Geschichte zu sagen. Hier sind Jesu Worte aus Kapitel 16 des Lukas-Evangeliums:

(19) Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbare Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. (20) Es war aber ein Armer namens Lazarus, der lag vor dessen Tür voller Geschwüre (21) und begehrte, sich zu sättigen von den Brosamen, die vom Tisch des Reichen fielen; und es kamen sogar Hunde und leckten seine Geschwüre.

(22) Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben. (23) Und als er im Totenreich [Hades] seine Augen erhob, da er Qualen litt, sieht er den Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. (24) Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich über mich und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Pein in dieser Flamme! (25) Abraham aber sprach: Sohn, bedenke, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben und Lazarus gleichermaßen das Böse; nun wird er getröstet, du aber wirst gepeinigt. (26) Und zu alledem ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, sodass die, welche von hier zu euch hinübersteigen wollen, es nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen.

(27) Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn in das Haus meines Vaters sendest — (28) denn ich habe fünf Brüder —, dass er sie warnt, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen! (29) Abraham spricht zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten; auf diese sollen sie hören! (30) Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun! (31) Er aber sprach zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so würden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer aus den Toten auferstände!“

Evangelium nach Lukas, Kapitel 16,19-31

Die große Streitfrage lautet nun: Liegt dieser Geschichte eine reale Darstellung des Jenseits zugrunde, oder handelt es sich um ein Gleichnis, das im Sinn einer Karikatur schwierige Zusammenhänge veranschaulichen soll? Wir werden sehen, dass beides nicht ganz richtig ist. Doch beginnen wir mit einer gründlichen Analyse!

Der Kontext

Der größere Zusammenhang dieser Geschichte steht schon ein Kapitel vorher: „Es nahten sich ihm [d.h. Jesus] aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen“ (Kapitel 15,1+2). Daraufhin legt Jesus dar, warum er gerade zu solchen gesellschaftlichen Randgruppen gesandt ist, und zwar in drei kurzen Illustrationen: Der Geschichte vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Münze und vom verlorenen Sohn.

Im Anschluss wendet sich der Wanderprediger an seine Nachfolger und belehrt sie im Gleichnis vom untreuen Haushalter, dass die einzig sinnvolle Verwendung der diesseitigen, vergänglichen Reichtümer die Investition in Menschen ist – sprich: In Arme, Waisen und Witwen, den „Verlorenen“ dieser Weltzeit. Er schließt mit folgenden Worten:

„Kein Knecht kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon! Das alles hörten aber auch die Pharisäer, die geldgierig waren, und sie verspotteten ihn. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was bei den Menschen hoch angesehen ist, das ist ein Gräuel vor Gott.“

Evangelium nach Lukas, Kapitel 16,13-15

Bei einigen der umstehenden Strenggläubigen war die Geldliebe größer als ihre Menschenliebe. Auf diese ernüchternde Erkenntnis bringt Jesus nun die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus, und aus diesem Kontext heraus muss sie verstanden werden. Die Pharisäer hatten schließlich nicht gefragt: „Was passiert, wenn wir sterben?“, sondern das Thema ist der Umgang mit Geld.

Der reiche Mann

Der Hohepriester Kajaphas im Film „The Passion of the Christ“ von Mel Gibson

Klären wir zunächst, welche Figuren in der Geschichte handeln und warum sie nur teilweise mit Namen genannt sind. Der reiche Mann spricht Abraham mit „Vater“ an, also ist er mit Sicherheit ein Jude. Als solcher wird er aufgrund gewisser Vorschriften in der Torah (5. Mose 15,8) dem armen Lazarus vor seiner Tür bestimmt auch Almosen gegeben haben. Jesus beschreibt ihn jedenfalls nicht als völlig durchtriebenen Schurken. Wie die meisten Menschen strebte auch er danach, „fröhlich und in Prunk“ zu leben. Sein Name wird nicht genannt. Er war eben irgendein reicher Mann. An seiner Stelle könnten genau so gut die meisten Menschen der westlichen Welt stehen.

Zwei Details lassen jedoch aufhorchen: Die Kleidung des reichen Mannes bestand aus Purpur und feiner Leinwand, und er hatte fünf Brüder. Die Kleidungsstücke waren die des Hohepriesters (2. Mose 28,6) und zur Zeit Jesu hatte ein Mann namens Kajaphas dieses Amt inne. Jener Kajaphas war der Schwiegersohn eines früheren Hohepriesters namens Hannas. Von dem jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus wissen wir, dass Hannas fünf Söhne hatte, die alle ebenfalls Hohepriester wurden (Jüdische Altertümer, Buch XX, 200). Womöglich spielt Jesus bei den „fünf Brüdern“ auf die fünf Schwager des Kajaphas an, und das „Haus seines Vaters“ ist das Priestergeschlecht Hannas.

Der arme Lazarus

In starkem Kontrast dazu steht Lazarus – die griechisch-römische Schreibweise des hebräischen Eleazar – dessen Name bedeutet: „Gott hat geholfen“. Er hat kein Geld, auf das er sein Vertrauen setzen könnte. Gott ist seine einzige Hoffnung. Durch die Benennung dieses Mannes sind in ihm all jene abgebildet, die ebenfalls nicht auf irdische Güter vertrauen, sondern darauf, dass der Gott des Himmels zuletzt Gerechtigkeit und Frieden schaffen wird. Sollte diese Geschichte „nur ein Gleichnis“ sein, wäre sie das einzige überlieferte Gleichnis, in dem Jesus Namen nennt. Doch wie wichtig die Benennung tatsächlich ist, kann an dieser Stelle kaum ausreichend erfasst werden. Denn schon bald würde Jesus tatsächlich einen Mann namens Lazarus vom Tod auferwecken, und wir werden noch sehen, dass an diesem Wunder das Herz von Jesu Zuhörern offenbart wurde.

Im Schoß Abrahams

Die zweite benannte Person in der Geschichte ist Abraham, der „Vater der Gläubigen“. Im modernen Abendland klingt der Ausdruck „Schoß“ merkwürdig intim, doch im antiken Morgenland war klar, was damit gemeint ist: Man lag beim Essen auf Polstern zu Tisch, nebeneinander aufgereiht, auf den linken Arm gestützt und die Füße vom Tisch abgewandt. Eine Person lag dann automatisch im „Schoß“, das heißt am Gewandbausch oder der Brust der daneben liegenden Person. Der Schoß Abrahams ist eine Umschreibung für die Tischgemeinschaft mit Abraham im kommenden Reich Gottes. Davon hatte Jesus zuvor schon deutlicher gesprochen:

„Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel, aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußere Finsternis; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“

Evangelium nach Matthäus, Kapitel 8,11+12 (Elberfelder Übersetzung)

Der Ort an der Seite Abrahams war die Auferstehungshoffnung und der „Himmel“ in der jüdischen Gedankenwelt.

Das Totenreich

Das Reich der Toten wird auf hebräisch Sheol genannt und ist in der gesamten Bibel ein Ort der Stille und Dunkelheit, in dem die Verstorbenen in einer Art bewusstlosem „Schlaf“ auf den Tag der Auferstehung warten. Manchmal wird es schlicht und einfach mit „Grab“ übersetzt. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments und im Neuen Testament wird es Hades genannt.

„Alles, was deine Hand zu tun vorfindet, das tue mit deiner ganzen Kraft; denn im Totenreich, in das du gehst, gibt es kein Wirken mehr und kein Planen, keine Wissenschaft und keine Weisheit!“

Prediger (Kohelet) Kapitel 9,10

„Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; […]“

Prophet Daniel, Kapitel 12,2

Der Gedanke einer unsterblichen Seele, die nach dem körperlichen Tod weiterlebt, ist hier völlig unbekannt. Wenn Jesus im Neuen Testament von einem unauslöschlichen Feuer namens Gehenna warnt (Markus 9,43+45), dann bezieht sich das nicht auf das Totenreich, sondern auf das Endgericht am Tag der Auferstehung, in dem das Böse ein für alle Mal ausgelöscht wird. Ansonsten vergleicht auch Jesus den Tod mit einem Schlaf (Johannes 11,11).

Tatsächlich ist die Lazarus-Geschichte die einzige Stelle in der Bibel, die das Konzept „Sheol“ mit Qualen und Feuer in Verbindung bringt. Woher hat Jesus diese Vorstellung? Erzählt er hier etwas anderes als die hebräische Bibel? Und wenn ja, warum widerspricht ihm dann keiner?

Hätte Jesu Geschichte den Anspruch, eine realistische Darstellung des Jenseits zu sein, ergäben sich sogar noch viel quälendere Fragen: Wieso kommt der reiche Mann nach seinem Tod ohne faire Gerichtsverhandlung und ohne jede Chance der Rechtfertigung sofort ins Feuer? Werden alle Reichen nur aufgrund ihres Reichtums bestraft? Warum ist Abraham dann nicht auch im Feuer? Abraham war sehr reich (1. Mose 13,2)! Was ist das für ein Ort des Trostes, von dem aus man die Höllenbewohner hören und sehen und ihrer Pein beiwohnen kann (muss)? Wenn der reiche Mann komplett in Flammen stand, warum bittet er dann nur darum, dass seine Zunge gekühlt wird? Hätte er nicht eher um einen ganzen Kübel Wasser gebeten? Wenn sein Körper doch begraben wurde, welcher Körper (er hat eine Zunge!) wird dann gequält? Ein solches Verständnis der Geschichte ist meiner Meinung nach völlig verkorkste Exegese.

Sollte die Lazarus-Tragödie dagegen ein Gleichnis sein, stellt sich die Frage, warum sie auf einer fiktiven Jenseits-Vorstellung beruht. Alle anderen Gleichnisse Jesu haben als Grundlage stets Situationen und Orte des alltäglichen Lebens. Wie man es auch dreht und wendet: Die Geschichte scheint auf eine verstörende Weise überhaupt nicht in den biblischen Gesamtzusammenhang zu passen.

Die Welt der Ideen und der Tartaros

Der personifizierte Hades und die Toten (c) Mathia Arkoniel | mathiaarkoniel.com

Um Licht ins Dunkel zu bringen, bedarf es einer kleinen Reise ins antike Griechenland. Der Philosoph Platon (ca. 427–347 v. Chr.) war dort einer der berühmtesten Verfechter der Unsterblichkeit der Seele. Für ihn waren alle Dinge, die wir im Diesseits wahrnehmen können, nur Schatten der wahren „Ur-Bilder“, die im Reich der Ideen existieren. Ein Beispiel: Auf Erden gibt es zahlreiche Pferde in verschiedenen Farben und Formen, von denen jedes irgendwelche Mängel hat und eines Tages sterben muss. Einzig die „Idee Pferd“ ist ewig und vollkommen und daher – so Platon – die zugrundeliegende Wahrheit. Auch die menschliche Seele sah er als Teil dieser ewigen Ideenwelt.

Platon war es nun, der die Vorstellung eines jenseitigen „Un-Lebens“ populär machte. Aus der griechischen Mythologie kannte Platon den Tartaros, den finstersten Winkel des Totenreiches Hades. Darin, so erzählt der Dichter Homer, wurden unter anderem die mythischen Könige Sisyphos und Tantalos ewig geschunden (Odyssee 11, 582-600). Platon griff dieses Konzept auf und sah darin fortan den Schicksalsort aller Frevler, wobei der Hauptgedanke die Läuterung der Seelen war, nicht die Strafe. Die absolute Mehrheit der Menschen würde dem Tartaros letztlich wieder entkommen. In seinem Dialog Gorgias legt er seinem Lehrer Sokrates folgende Worte in den Mund:

„Nun war folgendes Gesetz wegen der Menschen unter dem Kronos schon immer, besteht auch noch jetzt bei den Göttern, dass welcher Mensch sein Leben gerecht und fromm geführt hat, der gelangt nach seinem Tode auf die Inseln der Seligen, und lebt dort ohne Übles in vollkommener Glückseligkeit, wer aber ungerecht und gottlos, der kommt in das zur Zucht und Strafe bestimmte Gefängnis, welches sie Tartaros nennen. […]

Welche aber das äußerste gefrevelt haben und durch solche Frevel unheilbar geworden sind, aus diesen werden die Beispiele aufgestellt, und sie selbst haben davon keinen Nutzen mehr, da sie unheilbar sind. Andern aber ist es nützlich, welche sehen, wie diese um ihrer Vergehen willen die ärgsten, schmerzhaftesten und furchtbarsten Übel erdulden auf nicht endende Zeit, offenbar als Beispiele aufgestellt dort in der Unterwelt, im Gefängnis, allen Frevlern wie sie ankommen zur Schau und zur Warnung.“

Platon, „Gorgias“ 523a+b + 525c, Übersetzung von Friedrich Schleiermacher (1856)

Wir haben hier den ältesten griechischen Text (und vielleicht den ältesten Text überhaupt) vor uns, der endlose Qualen im Jenseits vorhersagt. Jedoch war sich Platon bewusst, dass dieses Szenario keine exakte Beschreibung des Jenseits ist. Er wies sogar darauf hin, „dass sich nun dies alles gerade so verhalte, wie ich es erzählt habe, das ziemt wohl einem vernünftigen Mann nicht zu behaupten“ (Phaidon 114d). Die „Wahrheit“ dieses Strafortes lag für ihn darin, dass eine gute und gerechte Welt so eingerichtet sein müsse. Er glaubte also nicht wirklich an eine greifbare, physische Folterkammer, sondern betrachtete den Aspekt der Läuterung und Abschreckung als etwas Gutes, das man erfinden müsse, wenn es das nicht gäbe. Tatsächlich war es wohl so, dass viele – wenn nicht die meisten – Griechen zur Zeit Platons überhaupt nicht an eine ewige Seele glaubten (Phaidon 70a). Von ihnen wurde die ewige Strafe eher symbolisch aufgefasst: „Die Jenseitsstrafen blieben in der hellenistisch-römischen Welt ein volkstümlicher Glaube; in anspruchsvolleren literarischen oder philosophischen Werken wurden sie entweder verspottet oder (wie z.B. bei Stoikern) allegorisiert.“ (Nikita Artemov, „Erfindung Platons? Zur Vor- und Frühgeschichte der Hölle in der griechischen Antike“, S. 20)

Zur Zeit von Jesus waren Platons Ideenlehre und die Schrecken des Tartaros auch im Heiligen Land bekannt. Viele Juden gingen nicht mehr davon aus, die Toten würden einfach nur schlafen. Stattdessen dachte man das Totenreich – ob symbolisch oder nicht – als einen zweigeteilten Ort, der im Prinzip Himmel und Hölle entspricht. Ganz offensichtlich spielt Jesus in seiner Lazarus-Geschichte auf dieses nicht-hebräische (unbiblische) Konzept an. Er greift die griechisch-platonische Vorstellung seiner Zeitgenossen auf und nimmt das als Grundlage für seine Erzählung! Insofern war Jesus ein Kind seiner Zeit, oder zumindest vermochte er sich ausgezeichnet in die Gedankenwelt seiner Zuhörer hineinzuversetzen.

Die oberflächliche Aussage

Kajaphas und viele der Pharisäer im Hohen Rat der Juden gingen gewiss davon aus, sie kämen nach dem Tod in den Schoß Abrahams, im Gegensatz zu den Zöllnern und Sündern. Die Lehrer Israels taten schließlich alles, das Gesetz Moses im Wortlaut zu erfüllen. Sie hielten sich für die Gerechten. Doch Jesus, der Meister der Rhetorik und Kenner der Gedanken, vertauscht mit seiner Geschichte die Rollen. Im Klartext gibt er zu verstehen: „Wäre es wahr, was ihr denkt, würdet IHR am Rand der Hölle landen und nicht im Schoß Abrahams!“ Jesus holt seine Zuhörer in ihrer eigenen Welt ab – und stellt sie dann auf den Kopf.

Die naheliegendste Aussage des Gleichnisses lautet wohl: „Ihr könnt euch das Reich Gottes nicht kaufen.“ Und zwar weder mit Geld noch mit Gerechtigkeit aus eigenen Werken. Gott lässt sich durch unseren Reichtum oder unsere Fähigkeiten wohl kaum beeindrucken; ist er es doch, der beides geschenkt hat. Durch Gottes Gnade sind manche Menschen reich, und durch Gottes Gnade allein werden Menschen vor Gott gerecht gesprochen. Diesseitiger Reichtum ist am besten als Hilfe für die Armen eingesetzt, damit schafft man sich einen unvergänglichen Schatz im Reich Gottes (Lukas 12,33). In dem Gleichnis vom untreuen Verwalter, das fast direkt vor der Lazarus-Geschichte steht, wird genau dieser Grundsatz als Positiv-Beispiel illustriert. Es lässt sich mit dem Satz in Lukas 12,9 zusammenfassen: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn ihr Mangel habt, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten!“ Die Lazarus-Geschichte illustriert dagegen den Umgang mit Reichtum als Negativ-Beispiel. Ein gutes Fazit hierfür wäre Lukas 12,15: „Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was bei den Menschen hoch angesehen ist, das ist ein Gräuel vor Gott.“

Die tiefere Aussage

Theoretisch hätte Jesu Geschichte mit Vers 26 enden können. Doch der Gottessohn geht noch tiefer ans Herz der Menschen: Er führt seinen pharisäischen Kritikern vor Augen, was in ihrem Innersten geschehen ist. Er tut dies durch den Einwand des reichen Mannes, Lazarus möge doch von den Toten zurückgesendet werden, denn durch ein solch gewaltiges Wunder würde sich selbstverständlich auch der geldverliebteste Mensch zum Umdenken bewegen lassen. Bereits bei einer früheren Gelegenheit hatten insbesondere Pharisäer und Schriftgelehrte nach einem Wunderzeichen verlangt, aufgrund dessen sie seinen Worten glauben könnten (Lukas 11,29; Matthäus 12,38+39). Doch: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen; aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Propheten Jona.“ Jesus war klar, dass Barmherzigkeit und Demut im menschlichen Herzen nicht schlagartig durch ein spektakuläres Wunder hervorgezaubert wird. Jahre und Jahrzehnte der Geldgier und Ignoranz der Armen können ein Herz derart verhärten, dass selbst eine Totenauferstehung nichts daran ändern würde. Hochmut ist ein moralisches Problem, kein Argumentatives. Wenn ihr nicht auf Mose und die Propheten hört – die Barmherzigkeit fordern – so werdet ihr auch nicht hören, wenn einer von den Toten zu euch käme. Denn eure Entscheidung ist eigentlich schon längst getroffen.

Die Schlussfolgerung ist heftig: Jesus wirft den Schriftgelehrten und Pharisäern vor, dass sie in Wirklichkeit gar nicht barmherzig sein wollen. Nach außen befolgen sie die Weisungen von Mose und den Propheten; aber nur, um dadurch bei den Menschen Anerkennung zu gewinnen. Würde die Torah keine Almosen fordern, würden sie keine geben. Dabei übersehen sie, dass der Sinn der Torah Barmherzigkeit und Liebe ist, und dass es nicht um ein kaltes, berechnendes Einhalten von Forderungen geht, um Gott zufriedenzustellen. Schon durch den Propheten Hosea ließ Gott verkünden: „Ich will Barmherzigkeit, nicht Opfer“ (Hosea 6,6; Matthäus 9,13). Wäre der reiche Mann wirklich barmherzig gewesen, hätte er dem Lazarus, an dem er wohl täglich vorüberging, nicht nur ein paar Brotreste hingeworfen, sondern hätte ihn in sein Haus aufgenommen und seine Wunden gereinigt. Nicht, weil das die Torah fordert oder weil er sich dadurch eine Belohnung erhofft, sondern weil es ihm auf die Eingeweide schlägt und er gar nicht anders kann.


Das Zeichen des Jona

Jona wird von einem großen Fisch verschluckt (c) Sight & Sound TV

Was ist aber das „Zeichen des Jona“, das Jesus trotz allem zu gewähren versprach? Der Prophet Jona wurde einst von einem riesigen Fisch verschlungen, in desse Magen er drei Tage und drei Nächte ausharren musste (Jona 2,1; Matthäus 12,40). Danach würgte das Untier den Mann wieder hoch und spie ihn an Land, wo er zu einem eindrücklichen Bußprediger wurde, der sogar eine Stadt von 120.000 Einwohnern dazu brachte, von ihren bösen Taten abzukehren. Das Zeichen des Jona war, dass jemand drei Tage und drei Nächte vom Erdboden verschluckt war und dann wieder ins Land der Lebenden zurückkehrte.

Es kann kaum ein Zufall sein, dass Jesus gegen Ende seines Lebens in aller Öffentlichkeit einen Mann aus Bethanien vom Tod auferweckte, der schon mehr als drei Tage und drei Nächte tot war. Dieser Mann hieß ausgerechnet Lazarus (Johannes 11,1-46). Das war keine Tat aus bloßem Mitleid, keine Machtdemonstration und kein Haschen nach Aufmerksamkeit. Es war das Zeichen des Jona und es war speziell für die Pharisäer und Schriftgelehrten, denen er es zuvor angekündigt hatte. An ihrer Reaktion würde sich herausstellen, ob Jesu Einschätzung der Herzen richtig war:

„Da versammelten die obersten Priester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was sollen wir tun? Denn dieser Mensch tut viele Zeichen! Wenn wir ihn so fortfahren lassen, werden alle an ihn glauben; und dann kommen die Römer und nehmen uns das Land und das Volk weg! Einer aber von ihnen, Kajaphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr erkennt überhaupt nichts, und ihr bedenkt nicht, dass es für uns besser ist, dass ein Mensch für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht! […] Von jenem Tag an beratschlagten sie nun miteinander, um ihn zu töten.“

Evangelium nach Johannes, Kapitel 11,47-53

Tatsächlich haben sie sich auch nicht überzeugen lassen, als einer von den Toten zurückkam. Im Gegenteil, diese nicht zu leugnende Machttat Gottes brachte ihre Herzenshaltung zur vollen Entfaltung. Ich glaube, dass das Herz jedes Menschen im Lauf seines Lebens mit Demut oder mit Hochmut genährt wird, und entweder das eine oder das andere immer stärker zur Geltung kommt.

Meiner Auffassung nach hat Jesus den Lazarus nicht auferweckt, um hochmütige Menschen zur Demut zu bewegen. Sondern er tat es, um die Geister zu scheiden; um die Menschen zu einer Positionierung zu zwingen. Genau das ist auch passiert: Die Reaktion bei den Demütigen war: „Viele glaubten an ihn“ (Johannes 11,45) und die Reaktion der Hochmütigen: „Sie beratschlagten, ihn zu töten.“

Schlussgedanken

Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie, warum und welche Lebensumstände ein Herz zu Demut oder Hochmut bewegen und was dabei im Innersten des Menschen vor sich geht. Doch ich weiß, dass eines der erstrebenswertesten Dinge im Leben ist, Demut zu lernen. Lasst uns offen mit unseren Schwächen umgehen, Gelehrsamkeit üben und barmherzig gegenüber den Lazarussen dieser Welt sein.