Die Arche auf den Wassern der Sintflut (c) Vicky Gitto & Andrea Fumagalli, www.yr.com

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Genesis: Die Urgeschichte

Gibt es eine Möglichkeit, die sagenhafte Urgeschichte auf den ersten Seiten der Bibel ernst zu nehmen und gleichzeitig die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zu berücksichtigen? Welche Diskrepanzen gibt es, und wie kann man die Anfänge der menschlichen Kultur trotzdem verstehen?

Einleitung

Im folgenden Artikel setze ich voraus, dass das Universum eine göttliche Schöpfung ist und dass der Leser sich zumindest in diesen Gedanken hineinversetzen kann. Die alte Diskussion um die Existenz Gottes wird hier nicht behandelt. Richten wir unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf ein Buch, das in seiner ausgeklügelten Struktur seinesgleichen sucht und erfrischende Einsichten über den Ursprung des Lebens gewährt: Genesis.

Die Architektur der Welt

Eigentlich ist das Buch Genesis eine Aneinanderreihung von zehn uralten "Traditionen" oder "Geschlechterfolgen", die in der hebräischen Sprache alle mit der gleichen Formel eingeleitet werden: "Elleh Toledoth ...", was so viel bedeutet wie: "Dies ist die Geschichte bzw. Geschlechterfolge von ...". Alle zehn Abschnitte bauen aufeinander auf, ihre Erzählweise und ihr Alter ist aber zum Teil verschieden. Doch noch vor dem Beginn der ersten Toledoth-Folge steht eine Art Auftakt, der so ungewöhnlich ist, dass man nicht einmal genau sagen kann, zu welcher literarischen Gattung er gehört:

"Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst [hebr. „tohu“] und leer, und Finsternis war über der Tiefe [hebr. „tehom“]; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.
Und Gott sprach: Es werde eine Wölbung mitten im Wasser, und es sei eine Scheidung zwischen dem Wasser und dem Wasser! […] Und Gott nannte die Wölbung Himmel. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein zweiter Tag.
Und Gott sprach: Es soll sich das Wasser unterhalb des Himmels an einen Ort sammeln, und es werde das Trockene sichtbar! Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Ansammlung des Wassers nannte er Meere. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringt, Fruchtbäume, die auf der Erde Früchte tragen nach ihrer Art, in denen ihr Same ist! Und es geschah so. […] Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag.
Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Wölbung des Himmels werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht, und sie sollen dienen als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren; […] Und Gott machte die beiden großen Lichter: das größere Licht zur Beherrschung des Tages und das kleinere Licht zur Beherrschung der Nacht und die Sterne. […] Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein vierter Tag.
Und Gott sprach: Es soll das Wasser vom Gewimmel lebender Wesen wimmeln, und Vögel sollen über der Erde fliegen unter der Wölbung des Himmels! Und Gott schuf die großen Seeungeheuer und alle sich regenden lebenden Wesen, von denen das Wasser wimmelt, nach ihrer Art, und alle geflügelten Vögel, nach ihrer Art. […] Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein fünfter Tag.
Und Gott sprach: Die Erde bringe lebende Wesen hervor nach ihrer Art: Vieh und kriechende Tiere und wilde Tiere der Erde nach ihrer Art! Und es geschah so. […] Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. […] Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der sechste Tag. […] Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte; und er ruhte [hebr. „schabat“] am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte.“
– Genesis 1-2,3 (Elberfelder Übersetzung)


Die Erde von der Internationalen Raumstation aus betrachtet. (c) NASA
Die Erde von der Internationalen Raumstation aus betrachtet. (c) NASA
Das Universum und das Leben wurde also innerhalb von sieben Tagen erschaffen – oder wie ist das gemeint? Die Erzählung genau so zu akzeptieren, wie sie da steht, ist für viele postmoderne Homo Sapiens ein Problem, denn unsere Altersbestimmungsmethoden ergeben für die Entstehung der Erde nicht sieben Tage, sondern einen Prozess, der wesentlich länger dauerte. Aufgrund unserer kulturellen Prägung wollen wir Ereignisse immer in einen zeitlichen Ablauf einordnen, besonders wenn Worte wie "Anfang" oder "Tag" fallen. Doch – so verwirrend es auch klingt – man sollte die Schöpfungswoche besser zeitlos verstehen. Die "Tage" im Schöpfungsbericht stehen eher sinnbildlich für die Zeit an sich. Abstrakte Begriffe wie "Zeit" sind in der althebräischen Sprache unbekannt, deshalb werden sinnlich wahrnehmbare, anschaulichere Umschreibungen wie "Tag und Nacht" verwendet. Wie sollen es auch Tage im Sinne einer Erdumrundung um die Sonne sein, wenn die Sonne erst am vierten Tag erschaffen wird?

In der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (der Septuaginta) steht für "Anfang" das Wort archḗ, wovon unser Wort "Architektur" stammt. Es geht hier um keinen zeitlichen Anfang, sondern einen Strukturellen. Die erste Schöpfungserzählung enthält keine chronologischen Daten oder genaue Beschreibungen des Schöpfungsaktes, sondern sie gibt Auskunft über die Grundlagen der Welt, ihren Aufbau, die Rahmenbedingungen und geltenden Prinzipien; sie zeigt nicht in welcher Reihenfolge die sichtbaren Dinge entstanden sind, sondern was die Welt im Innersten zusammenhält.

Gottes Schöpfungswerke werden also in die Zeit (die "Tage") hinein erschaffen. Bei genauem Lesen fällt aber auf, dass schon vor dem ersten Schöpfungswerk zwei Dinge vorhanden waren: Das Meer und Finsternis. Diese menschenfeindlichen Mächte sind von jeher der Inbegriff des Chaos und des Todes. Im hebräischen Text der Bibel wird diese Urflut Tehom genannt. Hier besteht eine deutliche Sprachverwandtschaft zur akkadischen Tiamat, einem weiblichen Urwesen aus dem babylonischen Schöpfungs-Mythos Enūma eliš. Tiamat ist die Verkörperung des Salzwasser-Ozeans und gebiert alle Arten von Bestien, Seeschlangen und Dämonen. Erst durch das Eingreifen des Gottes Marduk kann Tiamat gebändigt und aus ihrem Leichnam die Grundfesten der Erde gebildet werden. Es gibt mehrere Bibeltexte, die offensichtlich darauf anspielen:

"Doch Gott ist mein König von alters her, der Heilstaten vollbringt auf der Erde. Du hast aufgestört das Meer durch deine Macht, hast zerschmettert die Häupter der Wasserungeheuer auf dem Wasser. Du hast zerschlagen die Köpfe des Leviatans, gabst ihn zur Speise den Haifischen des Meeres."
– Psalm 74,12-14 (Elberfelder Übersetzung)


Durch die Meeresungeheuer wird illustriert, wie die Welt ohne Gottes Eingreifen aussähe: Ewig dunkel. Dann bewirkt Gott die Schöpfung in zwei Schritten: Er schafft Lebensräume, indem er das Chaos abtrennt, und anschließend bevölkert er die Lebensräume. Die Analyse der Schöpfungswerke jeden Tages ergibt eine bemerkenswerte Struktur:

I. Erschaffung der Lebensräume:
Tag 1: Licht (Die Finsternis wird abgetrennt, es entsteht die Zeit und "Lebensraum" für die Gestirne)
Tag 2: Lufthimmel (Der chaotische Ur-Ozean wird getrennt und geordnet; es entsteht Lebensraum für Fische und Vögel)
Tag 3: Festland und Pflanzen (Das Meer wird abgetrennt, es entsteht Lebensraum für Landtiere und Menschen)

II. Bevölkerung der Lebensräume:
Tag 4: Die Gestirne (Sonne, Mond und Sterne; sie "leben" durch das Licht und ihre Funktion ist die Zeitbestimmung)
Tag 5: Fische und Vögel
Tag 6: Landtiere und Menschen

Man sieht deutlich, dass Tag 1 mit Tag 4 zusammenhängt, Tag 2 mit Tag 5, und Tag 3 mit Tag 6. Der Aufbau dieser Schöpfungserzählung ist bis ins Detail durchdacht. Noch etwas fällt auf: Die Gestirne werden mit den erschaffenen Lebewesen auf eine Stufe gestellt. Der Text ist in einem Umfeld entstanden, in dem es völlig normal war, Sonne Mond und Sterne als Götter zu verehren. Die Sonne war im alten Babylon beispielsweise der Gott Šamaš. Die Göttin Ištar galt als Verkörperung der Venus. Dagegen ist der Zweck der Gestirne in der Genesis rein funktional: "Sie sollen dienen als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren" (Kapitel 1,14). Das war eine revolutionäre Kampfansage an jede Astral-Religion!

Am siebten Tag ruhte Gott. Aber nicht, weil ihm die Kraft oder die Ideen ausgegangen wären. Der Bedeutungsspielraum des hebräischen Wortes schabat, das hier steht, erstreckt sich von "ruhen", "aufhören" bis hin zu "feiern". Bis heute ist für uns ein Feiertag und ein Ruhetag mehr oder weniger das Gleiche. Im weiteren Verlauf der biblischen Erzählung wird daraus die Wochenstruktur abgeleitet, die wir bis heute haben und die sich fast überall in der Welt durchgesetzt hat:

"Sechs Tage sollst du deine Arbeiten verrichten. Aber am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremde Atem schöpfen."
– Exodus Kapitel 23,12


Die gesamte Antike hindurch war die menschliche Gesellschaft im Grunde in zwei Extreme geteilt: Eine kleine Oberschicht (Könige, Würdenträger), die quasi nie arbeitete, und eine große Unterschicht (Bauern, Sklaven), die immer arbeiten musste. Die Gesetzgebung im frühen Judentum durchbrach dieses System: Jeder Bauer und Sklave, ja sogar die Tiere und das Land selbst, sollten nach sechs Arbeitstagen einen Ruhetag (Sabbat) bekommen. In der Schöpfungserzählung hat Gott nicht nur für jedes Lebewesen einen passenden Lebensraum vorbereitet, sondern auch einen passenden, gesunden Rhythmus der Lebenszeit. Eine Kampfansage an alle Machthaber dieser Welt, die andere unterdrücken und ausbeuten.

Leben aus Staub

Wenn die biblische Sieben-Tage-Schöpfung im Grunde symbolisch verstanden werden muss, stellt sich natürlich die Frage: Wie hat die Schöpfung dann tatsächlich ausgesehen? Zunächst einmal muss uns klar sein, dass sich die Erschaffung der Raumzeit grundsätzlich dem Ablauf unserer Weltgeschichte und allem, was wir beobachten oder erforschen können, entzieht. Es ist uns nicht möglich, über den Beginn unserer drei Raumdimensionen und der einen Zeitdimension hinauszuschauen. Freilich können wir die Natur beobachten und daraus Rückschlüsse auf die Vergangenheit ziehen, aber immer nur bis zu einem bestimmten Punkt, beispielsweise dem, was wir Urknall nennen. Die Kräfte dahinter liegen jenseits unseres Erkenntnishorizonts. Interessanterweise haben wir gesehen, dass in der biblischen Urgeschichte zwischen Lebensraum und Lebewesen unterschieden wird. Und die Erschaffung der Lebewesen ist etwas, worüber wir vielleicht doch mehr erfahren können.

Wie bereits erwähnt, ist die Erzählung der Sieben-Tage-Schöpfung eine Art Einführung oder Geleitwort. Dann beginnt die Erste der zehn Toledoth-Geschichten, in der es um die Erschaffung der Lebewesen geht – während ihr Lebensraum, der Lufthimmel und das Festland, bereits als existent vorausgesetzt werden:

"Dies ist die Entstehungsgeschichte [Toledoth] des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden. An dem Tag [d.h. zu der Zeit], als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte - noch war all das Gesträuch des Feldes nicht auf der Erde, und noch war all das Kraut des Feldes nicht gesprosst, denn Gott, der HERR, hatte es noch nicht auf die Erde regnen lassen, und noch gab es keinen Menschen, den Erdboden zu bebauen; ein Dunst [oder: eine Quelle] aber stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens -, da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele."
– Genesis Kapitel 2,4+5


Der Bibeltext verrät nicht, wie lange die Erde schon in diesem leblosen Zustand existiert hat, bis Gott den Menschen schuf. Es könnten Jahrmilliarden gewesen sein, oder auch nur ein paar Stunden. Wir machen jedoch eine entscheidende Beobachtung: Sowohl in der ersten Schöpfungserzählung wie auch hier ist die Erschaffung der Pflanzen kein plötzliches Ereignis, sondern sie wachsen stetig: "Und die Erde brachte Gras hervor" (Kapitel 1,12). Es wird sogar als Grund dafür, dass die Pflanzen noch nicht gewachsen waren, der fehlende Regen genannt! Die Schöpfung wird hier mit ganz natürlichen Prozessen beschrieben, die wir auch heute noch beobachten. Daraus kann man folgern, dass es auch eine gewisse Zeit gedauert hat, bis diese Pflanzen gewachsen sind. Und womöglich eine noch längere Zeit, bis sich zuvor das Festland und das Meer in seiner "fertigen" Form herausgebildet hatte. Die Menschen, die die Urgeschichte festhielten, gingen davon aus, dass die Lebensräume kontinuierlich erschaffen wurden.

Wer waren die ersten Menschen auf Erden? (c) Icons of the Bible Art
Wer waren die ersten Menschen auf Erden? (c) Icons of the Bible Art
Bei der Erschaffung des Menschen lesen wir etwas anderes. Gott formte den Menschen (hebr. adam) aus einem Teil des Erdbodens (hebr. adamah) wie ein Töpfer den Ton und verlieh diesen "Erdlingen" Lebendigkeit. Das "bilden" und "anhauchen" klingt nach einem kurzen Moment statt eines langen Prozesses. Im weiteren Verlauf der Erzählung bildet Gott die Tiere auf die gleiche Weise. Die Lebewesen wurden punktuell erschaffen.

An dieser Stelle könnte jemand einwenden, es sei doch auch denkbar, dass Gott den Menschen durch Evolution und Selektion in einem langwierigen Prozess aus primitiveren Spezies hervorgebracht hat. Aber warum sollte sich der Allmächtige ein so umständliches, zeitintensives und unwahrscheinliches Verfahren zunutze machen? Eine "gottgelenkte Evolution" widerspräche nicht nur dem wörtlichen Sinn der Urgeschichte, sondern auch ihrem übertragenen Sinn. Und zwar aus folgendem Grund:

In der ersten Schöpfungserzählung bildet Gott den Menschen "nach seinem Bild" (Kapitel 1,27). Das bedeutet nicht etwa, dass Gott aussieht, denkt oder handelt wie wir Menschen. Sondern es bedeutet, dass wir Repräsentanten seines Herrschaftsanspruchs auf Erden sind, wie etwa im alten Ägypten der Pharao Statuen von sich selbst auf erobertem Gebiet errichten ließ. Direkt nach ihrer Erschaffung wurde den Menschen geboten, die Erde in Gottes Sinn zu verwalten: "Herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!" (Kapitel 1,28). In der zweiten Schöpfungserzählung werden die Landtiere und Vögel von Gott zum Menschen gebracht, dass er ihnen Namen gäbe (Kapitel 2,19). Aus anderen biblischen Texten wissen wir, dass die Namensgebung ein Ausdruck der Autorität über eine andere Person ist.[1] Die Bedeutung ist in beiden Fällen: Der Mensch ist kein hochentwickeltes Tier, sondern steht kategorial über den Tieren.

Sobald wir voraussetzen, dass Gott der Urheber allen Lebens ist, kommen wir irgendwann in der Vergangenheit an den Punkt, an dem der Schöpfer aus unbelebter Materie die ersten Menschen und Tiere erschaffen hat. Dabei ist nicht entscheidend, ob es exakt so war wie in der Erzählung von Adam und Eva (vor etwa 6.000 Jahren) oder ob es bereits 60.000 Jahre oder länger her ist. Die „Grundproblematik“ bleibt bestehen: Die Vorstellung, wie Gott ganz plastisch die ersten Lebewesen aus Erde erschaffen hat, mutet uns irgendwie seltsam an. Wir können das Geheimnis der Entstehung des Lebens wahrscheinlich nicht naturwissenschaftlich ergründen. (Dabei möchte ich anmerken: Die Evolutionstheorie kann das auch nicht – Die Annahme dieser Theorie verlangt mir einen noch größeren Glauben ab als die Schöpfungsgeschichte.) Das Wunder des Schöpfungsaktes verliert sich im Nebel der Vorgeschichte.

Schöpfung 2.0

Wenn auch die Schöpfung für den Historiker nicht erreichbar ist, gibt es doch ein anderes, näher liegendes Ereignis, das die Menschheitsgeschichte in ein „davor“ und „danach“ geteilt hat: Die Sintflut. Davon berichtet die Genesis in der dritten Toledoth-Folge, der Geschlechterfolge von Noah (Kapitel 6,9 – 9,29).

Die beiden Gipfel des heutigen Berges Ararat (c) Victor Vardanyan
Die beiden Gipfel des heutigen Berges Ararat (c) Victor Vardanyan
Wegen der Bosheit der Menschen sollen gewaltige Wassermassen die Weltbevölkerung auf 8 Individuen reduziert haben. Nur der gerechte Noah und seine Familie wurden von Gott gewarnt und überlebten in einem riesigen, schwimmenden Holzkasten (der Arche). Sie hatten auch eine beträchtliche Anzahl Tiere an Bord gerettet. Um festzustellen, ob die Wasser zurückgegangen waren, ließ Noah einen Raben und eine Taube ausfliegen. Die Taube kehrte schließlich nicht zurück, da sie Land gefunden hatte. Als die Arche im Gebirge Ararat auf Grund lief, gingen die Menschen an Land und brachten Gott ein Opfer dar. Als Zeichen dafür, dass der Schöpfer nie wieder eine solche Flut hereinbrechen lassen würde, gab er den Regenbogen.

Die Bedeutung dieses Kataklysmus ist folgende: Die Schöpfung wird umgekehrt, Gott zieht seine lebenserhaltende Macht zurück. Die Trennungen, durch die Gott das Chaos bändigte, werden aufgelöst. Die Urflut Tiamat kehrt zurück und verwandelt Himmel, Erde und Meer wieder in die tödliche Finsternis, die sie einst waren. Die alte Welt ist verloren.

Der Allmächtige beginnt mit Noah eine Neu-Schöpfung. Alle Elemente, die bei der Schöpfung Adams eine Rolle spielten, tauchen nun bei Noah wieder auf: Den Menschen wird geboten, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, es wird ihre Herrschaft über die Tierwelt bestätigt und angeordnet, was ihnen zur Nahrung gegeben ist. Eigentlich endet die biblische Schöpfungserzählung erst hier. Das ist der tatsächliche Ausgangspunkt der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Diese Art von „Schöpfung“ können wir erforschen. Das bedeutet, die große Flut ist für uns die Verbindung zwischen Legende und nachvollziehbarer Geschichte. Doch inwiefern kann das Drama um Noah und seine Arche überhaupt historisch verstanden werden? Schauen wir uns zunächst einige außerbiblische Sintflut-Legenden an.

Erinnerungen der Menschheit

Überall auf der Welt gibt es Völker, die ihre eigenen Legenden von einer großen Flut haben. Die gemeinsame Erfahrung der Menschheit wurde über die Jahrtausende in jeder Zivilisation individuell ausgeschmückt und mythologisiert. Jüngere Kulturen übernahmen die Sage von Älteren. Aber die Grundgeschichte blieb die selbe: Ein Mann erhält die Warnung Gottes, dass eine große Flut kommen wird. Er allein baut ein großes Schiff und überlebt dadurch (meist mit einer oder sieben weiteren Personen) die Flut. Einige der bekannteren Flutsagen seien beispielhaft erwähnt:

25 Sintflut-Sagen im Vergleich
25 Sintflut-Sagen im Vergleich
In Griechenland kennt man den Gott Zeus, der mit einer großen Flut die Verderbtheit der Menschen beenden wollte. Deukalion sollte einen "Kasten" bauen, in dem er und seine Frau Pyrrha gerettet wurden.[2] Die Inder kennen den frommen König Manu Satjavrata, der vom Gott Vischnu zum Bau einer Arche aufgefordert wurde, in der er die sieben Rishis, die heiligen Priester, rettete.[3] In der Schöpfungsgeschichte der australischen Aborigines (der Traumzeit) liest man von einem Pelikan, der die Menschen in einem Kanu vor dem Hochwasser rettete.[4] Aus dem Chinesischen Altertum der Zeit von Kaiser Yao gibt es Sagen von "Fluten, die sich bis zum Himmel türmen", oder von "Überschwemmungen, die mit ihren Fluten den Himmel bedrohen".[5] Im Popol Vuh, dem "Buch des Rates" des Maya-Stammes der Quiche aus Guatemala heißt es, dass der Gott Hurakan sein erstes Schöpfungswerk durch eine Flut vernichtete.[6]

Die Gros Ventre Indianer aus Montana fürchteten ihren Gott Nichant, der die Menschen nach der Flut mit diesen bemerkenswerten Sätzen warnte: “Wenn ihr gut seid und Gutes tut, will ich kein Wasser und kein Feuer mehr über euch kommen lassen. Denn lange, ehe das Wasser sich erhob, war die Erde verbrannt worden. Dies ist jetzt das dritte Leben. Dann zeigte er den Menschen den Regenbogen und sagte zu ihnen: Dies hier ist das Zeichen, dass die Erde nicht wieder mit Wasser bedeckt werden soll. Wenn ihr Regen habt, so werdet ihr den Regenbogen sehen, und wenn ihr ihn seht, so bedeutet dies, dass der Regen vorüber ist. Es wird später noch eine andere Welt sein als diese. Dann sagte er den Menschen, dass sie sich paarweise trennen sollten und sich Wohnplätze suchen. So sind die Menschen über die Welt zerstreut worden.“[7]

Die Flutlegende im Atrahasis-Epos

In der Wiege der menschlichen Zivilisation, dem alten Sumer (im heutigen Irak), wurden zahlreiche in Keilschrift behauene Tontafeln ausgegraben. So kam das legendäre Atraḫasis-Epos (verfasst um 1800 v. Chr.) wieder ans Licht, eine detaillierte Erzählung von Schöpfung und Sintflut aus altbabylonischer Sicht:[8]

Bruchstücke der ersten Tafel des Atrahasis-Epos im British Museum
Bruchstücke der ersten Tafel des Atrahasis-Epos im British Museum
Die Annunaki, die obersten Götter, schufen das Wesen Widimmu (oder: Edimmu) aus Lehm, damit es für sie arbeiten solle. Aus diesem Wesen entstanden Mann und Frau, die sich sogleich zu vermehren begannen. Im Verlauf von 1200 Jahren wurde die Menschheit lauter und lauter, bis der Gott Enlil beschloss, sie durch Krankheit und Dürre wieder auszulöschen. Beide Vernichtungsversuche wurden durch den Gott Enki vereitelt, sodass nun eine dritte Katastrophe – die große Flut – kommen sollte. Um die Menschheit auch davor zu bewahren, ging Enki zu seinem Priester Atraḫasis und warnte ihn: “Trenne dich von deinem Haus, baue ein würfelförmiges Schiff, verschmähe dein Hab und Gut, rette dein Leben!" Atraḫasis sollte auch Fische und Vögel für 7 Tage und Nächte mitnehmen und das Schiff mit Erdpech versiegeln. Als daraufhin die Sintflut hereinbrach und alles Leben dahinraffte, bemerkten die Götter plötzlich, dass es niemanden mehr gab, der ihnen Opfer darbrachte, sodass sie zu hungern begannen. Atraḫasis sendete nun eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben aus. Als der Rabe nicht zurückkehrte, wusste er, dass das Land wieder begehbar war. Das Schiff strandete schließlich am Berg Nisir. Sogleich ging Atraḫasis an Land und begann, den Göttern ein Nahrungsopfer darzubringen.

Diese Flutlegende war im alten Mesopotamien weit verbreitet. Später wurden Teile davon auch als Abschlusskapitel in das berühmte Gilgamesch-Epos übernommen. Gilgamesch, zwei Drittel Gott und ein Drittel Mensch, begegnet im Epos auf der Suche nach der Unsterblichkeit dem babylonischen Sintflut-Helden Uta-napišti (auch Ziusudra genannt), der ihm am Ende zwar nicht die Unsterblichkeit, aber immerhin die Legende von der großen Flut mitgeben kann.[9]

Die Genesis ist also bei Weitem nicht die einzige Sintflut-Erzählung, noch die Älteste. Die Parallelen zwischen der mosaischen Überlieferung und dem Atraḫasis-Epos sind überwältigend. Da das Epos sensationell weit in die graue Vorzeit hinein reicht und auf keine bekannte sumerische Vorlage zurückgeht, sollten wir es als Erzählung mit historischem Kern ernst nehmen, und nicht vorschnell als bloße Lehrgeschichte abtun. Es lässt sich kaum bestreiten, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt unserer Weltgeschichte eine überdurchschnittlich große Überschwemmung stattgefunden hat. Doch in welchem Umfang und in welchem Zeitraum lässt sich eine derart verheerende Flut belegen?

Am Beginn der Geschichtsschreibung

Rechnet man die biblischen Stammbäume und Jahresangaben von der Eroberung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. an konsequent zurück, so hat die Sintflut exakt im Jahr 2463 v. Chr. stattgefunden.[10] Obwohl die meisten Zeitangaben der Bibel eine in sich erstaunlich schlüssige Chronologie ergeben, sollte man doch Vorsicht walten lassen bei Daten, die extrem weit in die Vergangenheit reichen. Denn vor so langer Zeit in einer so fremden Kultur hatten die Menschen womöglich ein grundlegend anderes Verständnis von Zahlenangaben.

Noah in der Arche (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma Downey
Noah in der Arche (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma Downey
Ich möchte das anhand der zweiten Toledoth-Folge im Buch Genesis verdeutlichen, der Geschlechterfolge von Adam (Genesis Kapitel 5,1 – 6,8). Dieser Abschnitt enthält den Stammbaum der 10 Generationen von Adam bis Noah inklusive dem Alter jedes Mannes bei der Geburt des ersten Sohnes sowie ihrem Sterbealter. Zusammengefasst sieht das so aus:

Adam zeugte Set mit 130 Jahren und starb mit 930 Jahren.
Set zeugte Enoch mit 105 Jahren und starb mit 912 Jahren.
Enoch zeugte Kenan mit 90 Jahren und starb mit 905 Jahren.
Kenan zeugte Mahalalel mit 70 Jahren und starb mit 910 Jahren.
Mahalalel zeugte Jered mit 65 Jahren und starb mit 895 Jahren.
Jered zeugte Henoch mit 162 Jahren und starb mit 962 Jahren.
Henoch zeugte Metuschelach mit 65 Jahren und wurde von Gott entrückt mit 365 Jahren.
Metuschelach zeugte Lamech mit 187 Jahren und starb mit 969 Jahren.
Lamech zeugte Noah mit 182 Jahren und starb mit 777 Jahren.
Noah zeugte Sem, Ham und Jafet mit 500 Jahren und starb mit 950 Jahren.[11]

Abgesehen von der unglaublich hohen Lebensdauer dieser 10 Männer fallen hier noch weitere Details verdächtig ins Auge. Beispielsweise endet jede genannte Zahl mit der Ziffer 0, 2, 5, 7 oder 9. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geburts- und Todestage in der Realität alle einem solchen Schema entsprechen, liegt bei etwa 1 zu 4000. Dann heißt es von Henoch, dem Mann, der aufgrund seines vorbildlichen Lebens von Gott hinweggenommen wurde, er sei 365 Jahre alt geworden. Das ist die Anzahl der Tage eines Jahres. Könnte es sein, dass damit die Fülle seines Lebens unterstrichen werden soll? Lamech soll mit 777 Jahren gestorben sein. Ist es Zufall, dass einige Kapitel vorher von einem (anderen) Lamech gesagt wird: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“?[12]

Die Seltsamkeiten gehen weiter, wenn man die unterschiedlichen Textüberlieferungen der Genesis betrachtet. In der Septuaginta stehen nämlich abweichende Zahlen, und zwar so, dass abgesehen von Jered, Lamech und Metuschelach jeder Sohn exakt 100 Jahre später gezeugt wurde. Das hat zur Folge, dass Metuschelach die Flut um 14 Jahre überlebt, was von der Erzählung selbst aber ausgeschlossen wird. Im samaritischen Pentateuch lassen sich sogar noch heftigere Abweichungen feststellen. Es ist offensichtlich, dass diese Zahlen mit einer gewissen Leichtigkeit verändert wurden. Aber das bedeutet nicht, dass sie falsch sind, sondern es bedeutet vielleicht nur, dass wir sie falsch verstehen.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass mit den Jahreszahlen eine Symbolik ausgedrückt werden sollte, die uns heute verloren ist. Womöglich konnte die selbe Symbolik durch viele verschiedene Zahlen ausgedrückt werden, sodass die Änderung einer einzelnen Ziffer nichts an der Bedeutung der gesamten Zahl änderte. Vielleicht hatten solche Zahlen von Anfang an eher qualitative statt quantitative Bedeutung. In dieser grauen Vorzeit war es unter Umständen sogar so, dass die Menschen ihr tatsächliches Alter gar nicht genau kannten.

Das Weld-Blundell-Prisma mit der sumerischen Königsliste (c) Ashmolean Museum, Universität Oxford
Das Weld-Blundell-Prisma mit der sumerischen Königsliste (c) Ashmolean Museum, Universität Oxford
Diese fremdartige Verwendung von Zahlen möchte ich an einem anderen Beispiel demonstrieren. Eines der wichtigsten und ältesten historischen Dokumente aus dem Umfeld der Bibel ist die sumerische Königsliste. Sie ist hauptsächlich in Form des Weld-Blundell-Prisma überliefert, einem auf allen vier Seiten mit Keilschrift behauenen Tonquader aus der Zeit um 2000 v. Chr. Die Liste nennt zu Beginn acht vorsintflutliche Herrscher mit unvorstellbar langen Regierungszeiten. Dieser Abschnitt liest sich folgendermaßen:

Als das Königtum vom Himmel herabkam, war das Königtum in Eridu.
Alulim regierte 28.800 Jahre.
Alalgar regierte 36.000 Jahre.
Dann fiel Eridu und das Königtum kam nach Bad-tibira.
En-men-lu-Anna regierte 43.200 Jahre.
En-men-gal-Anna regierte 28.800 Jahre.
Der göttliche Dumuzi, ein Schafhirte, regierte 36.000 Jahre.
Dann fiel Bad-tibira und das Königtum kam nach Larag.
En-sipa-zi-Anna regierte 28.800 Jahre.
Dann fiel Larag und das Königtum kam nach Zimbir.
En-men-dur-Anna regierte 21.000 Jahre.
Dann fiel Zimbir und das Königtum kam nach Shuruppak.
Ubar-Tutu regierte 18.600 Jahre.
Acht Könige regierten ihre 241.200 Jahre. Dann fegte die Flut herüber.[13]

Die nüchterne Notiz der Flut in einem ansonsten keineswegs poetischen, sondern politischen Dokument ist erstaunlich. Die Königsliste ist ein weiteres, starkes Indiz dafür, dass die Sintflut ein echtes Naturereignis war. Sie zeigt aber auch sonst deutliche Parallelen zu den zehn Patriarchen der Genesis. Obwohl die sumerische Liste nur acht Könige enthält, können zwei weitere ergänzt werden: Der erste erschaffene Mensch und der Sintflut-Held. Der babylonische Priester Berossos (ca. 330 v. Chr.) hat in seinem Geschichtswerk, der Babyloniaka, eine eigene Version der Königsliste überliefert, die alle 10 Männer enthält. Man weiß auch, dass in der Vorstellung der Babylonier der erste Mensch (Adapa) ein enger Berater des Königs Alulim war. Ebenso ist bekannt, dass der babylonische Sintflut-Held Uta-napišti der Sohn des Ubar-Tutu war. Ergänzt man Adapa und Uta-napišti auf der Liste, ergibt sich die gleiche Struktur wie in der Genesis: 10 Männer mit gewaltigen Lebensspannen, und dann die Sintflut.

Eine Analyse der Regierungszeiten dieser sumerischen Könige zeigt, dass sich jede Jahresangabe durch 60 teilen lässt, die meisten sogar durch 3600 (60 im Quadrat). Die Babylonier nutzten kein Dezimalsystem, sondern ein Sexagesimalsystem, die Basis ihres Stellwertsystems war also nicht 10, sondern 60. Daran sieht man, dass die Regierungszeiten nicht wörtlich gemeint sind, sondern wahrscheinlich einen anderen Sinn haben, der in der Überlieferung verloren gegangen ist. Und so ist es im Genesis-Stammbaum vermutlich auch.

Von Noah zu Abraham

Wir springen nun zur fünften Toledoth-Folge der Genesis, der Geschlechterfolge von Sem (Genesis Kapitel 11,10-26). Dieser Text ist der einzige in der gesamten heiligen Schrift, der die Zeit Noahs mit der des Patriarchen Abraham (streng biblische Chronologie: 2111 v. Chr.) durch Jahreszahlen verknüpft. Es ist die Nahtstelle zwischen (halbwegs) nachvollziehbaren, historischen Ereignissen und der Flutgeschichte. Das Kapitel enthält den Stammbaum von 10 Generationen in dieser Reihenfolge: Sem – Arpachschad – Schelach – Eber – Peleg – Regu – Serug – Nahor – Terach – Abram, das ist Abraham.

Auffallend ist, dass in der biblischen Chronologie exakt 10 Männer vor der Sintflut genannt werden und 10 danach. Diese Anordnung wirkt nicht nur konstruiert, sie ist es tatsächlich: Denn der Evangelist Lukas hat ebenfalls die Generationen von Adam bis Abraham überliefert, jedoch ohne Altersangaben. Seine Quelle ist die Septuaginta. In diesem Stammbaum findet man zwischen Arpachschad und Schelach noch einen elften Namen, nämlich Kenan.[14] Das zeigt, dass der Genesis-Stammbaum lückenhaft ist. In althebräischer Literatur ist es üblich, solche Auslassungen zu machen, um eine gleichförmige Struktur zu erreichen. Womöglich haben in der Realität sogar noch mehr Männer zwischen den Generationen gelebt, die bereits in der Septuaginta ausgelassen wurden. Wie dem auch sei: Es ist nicht die Absicht dieser Texte, verlässliche Daten im Sinne heutiger, strenger Geschichtsforschung zu liefern. Das Hauptanliegen ist viel mehr, die grundsätzliche Verwandtschaftslinie Adam – Noah – Abraham zu untermauern.

Wir wissen also nicht, wie viel Zeit tatsächlich zwischen der Flut und der Zeit Abrahams vergangen ist. Selbst wenn man davon ausgehen könnte, dass die Anzahl der Namen korrekt ist, wüsste man noch nicht, ob die Jahreszahlen der Realität entsprechen. Denn noch zur Zeit von Mose (der 6 Generationen nach Abraham lebte) war es üblich, einer verstorbenen Person eher symbolische als tatsächliche Altersangaben zu verpassen. Beispielsweise zeigen Inschriften auf einer Stele des Pharao Amenhotep III., dass die Redewendung „Er starb mit 110“ ein erfülltes, gerechtes Leben meinte.[15] Es ist gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet das Lebensalter der biblischen Figuren Joseph und Josua, die in der ägyptischen Kultur fest verankert waren, mit genau 110 Jahren angegeben wird.[16] Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Flut brach wahrscheinlich um Einiges früher als 2463 v. Chr. über die Erde herein.

Tiamat, todbringendes Salzwasser

Nach konventioneller Datierung begann das Zeitalter des Pleistozän (umgangssprachlich: Das Eiszeitalter) auf Erden vor etwa 2,5 Millionen Jahren und endete ungefähr 9000 v. Chr. mit dem Beginn des Holozän (der Jetztzeit). Bis ins 19. Jahrhundert bezeichneten Geologen das Pleistozän mit Bezug auf die Sintflut noch als Diluvium (lat. diluere = „wegschwemmen“), da die chaotischen, eiszeitlichen Ablagerungen allgemein als Hinterlassenschaften der Sintflut interpretiert wurden und die zeitliche Festlegung dieser Sedimente noch unbekannt war.

Die Auswertung von Bohrkernen aus dem Grund des Mittelmeers hat gezeigt, dass es in der Vergangenheit Epochen gab, innerhalb derer das gesamte Mittelmeer trocken lag. Wahrscheinlich wurde es durch das Aufeinanderprallen der europäischen und afrikanischen Kontinentalplatten vom Atlantik abgetrennt und verwandelte sich in eine Salzwüste. Einige Forscher gehen davon aus, dass es zuletzt vor etwa 5 Millionen Jahren zu einem Dammbruch kam, bei dem der Atlantische Ozean sintflutartig wieder ins ausgetrocknete Mittelmeerbecken strömte. Stimmt die Datierung, waren allerdings keine Menschen zugegen, die Zeuge dieses Schauspiels hätten werden können.

Allerdings ereignete sich um 5600 v. Chr. eine ähnliche Katastrophe in etwas kleinerem Format. Vor dieser Zeit war das Schwarze Meer noch ein Süßwassersee. Man weiß das unter anderem, weil in den Schlammschichten des Meeresbodens Muscheln gefunden wurden, die nur in Süßwasser überleben können. Die damaligen Küstenlinien des Sees lassen sich noch heute am Meeresgrund nachweisen. Das Gewässer lag weit unterhalb des Meeresspiegels und sein Umfang war entsprechend deutlich kleiner als heute. Gewiss waren die Ufer ein beliebtes Siedlungsgebiet im ansonsten trockenen, unwirtlichen Eiszeit-Klima.

"Die Überschwemmung", Ölgemälde von Francis Danby, 1840
"Die Überschwemmung", Ölgemälde von Francis Danby, 1840
Zur gleichen Zeit waren riesige Wassermassen in den Eisschilden Europas und Asiens gebunden. Doch mit dem Beginn der aktuellen Warmzeit begannen diese Gletscher zu schmelzen und führten zu einer signifikanten Anhebung des Meeresspiegels. Da der „Schwarze See“ nur durch eine kleine Landbrücke – den Bosporus – vom Mittelmeer getrennt war, gab dieser natürliche Damm irgendwann der rohen Gewalt des immer weiter ansteigenden Salzwassers nach. Das Ergebnis war eine plötzliche Überflutung der gesamten Schwarzmeer-Gegend, bei der jeden Tag über 50 Milliarden Kubikmeter Wasser in den See strömten, das ist der gesamte Inhalt des Bodensees.[17] Dieser Naturgewalt konnten die Menschen wahrscheinlich nur entkommen, wenn sie in aller Eile ihre Sachen packten und in höhere Gegenden flohen.

Eine Überflutung solcher Ausmaße blieb den Menschen mit Sicherheit als göttliches Eingreifen und Wendepunkt der Geschichte in Erinnerung. Es ist schon spannend, dass in der sumerischen Mythologie die Tiamat mit dem salzigen Meerwasser in Verbindung gebracht wird, und ihr männlicher Gegenpart Abzu mit dem süßen Grundwasser. Die Sintflut war die Entfesselung von Tiamat, des todbringenden Salzwassers.

Versuch einer Synthese

Der Bau der Arche im Film "Noah" von Darren Aronofsky
Der Bau der Arche im Film "Noah" von Darren Aronofsky
Die zeitliche Einordnung der bisher genannten Ereignisse beruht fast ausschließlich auf der Datierung durch die Messung des Zerfalls von radioaktiven Isotopen. Diese Methode geht Hand in Hand mit der Dendrochronologie (Baumringdatierung) sowie der Analyse von Warven (Jahresschichten in Gewässern) und Eisbohrkernen. Es gibt jedoch ernstzunehmende Kritik an dieser Art von Datierung, da die einzelnen Methoden voneinander abhängig sind und womöglich einem schwerwiegenden Zirkelschluss unterliegen.[18] (Siehe auch meinen Artikel “Altersbestimmung des Universums“.) Sollte die konventionelle Datierung nicht stimmen, sind die Überschwemmungen am Ende der letzten Kaltzeit vielleicht viel jüngeren Datums. Es könnte sogar sein, dass Überflutungen, die wir bisher als mehrere unabhängige Phänomene interpretieren, tatsächlich zu einem großen Ereignis zusammenschrumpfen.

Unabhängig davon ergibt sich eine erstaunliche Parallele zwischen Genesis, Atrahasis und moderner Geologie: Am Beginn der nachvollziehbaren Geschichtsforschung treffen wir auf eine Zeit des klimatischen Chaos (Eiszeit / Sintflut), und der Ursprung des Menschen liegt verborgen in eben diesem Chaos. Der genaue Zeitpunkt der „historischen“ Sintflut mag nicht mehr genau rekonstruierbar sein, aber das Ereignis an sich ist erstaunlich gut belegt.

Ob die Flut tatsächlich weltumspannend alles Leben vernichtet hat, und die Wasser sogar die höchsten Berge überragten, ist schwer zu beurteilen. Es würde zahlreiche komplizierte Fragen aufwerfen: Woher kamen die Wassermassen? Wie kamen die Tierarten alle zu Noah? Wie wurden sie versorgt? Wie kamen nach der Flut die Pinguine an den Südpol und die Koalas nach Australien? Wovon haben sich die Raubtiere nach der Flut ernährt? Solche Fragen ließen sich kaum zuverlässig beantworten, da wir nicht wissen, wie die Alte Welt vor einer mutmaßlich globalen Sintflut ausgesehen hat. Wir hätten keinerlei Informationen über Bevölkerungsdichte, Artenvielfalt, Geländestruktur etc. Sicherlich kann man alles durch ein großes Wunder Gottes erklären. Aber die nahe liegendere Erklärung scheint mir, die Flutlegenden als das zu sehen, was sie sind: Legenden.

Die Struktur der biblischen Sintflut-Erzählung
Die Struktur der biblischen Sintflut-Erzählung
Wer die biblische Flutgeschichte einmal gründlich auseinandernimmt, wird feststellen, dass alle entscheidenden Elemente darin doppelt auftauchen. Manches ist nicht intuitiv verständlich oder gar widersprüchlich. Beispielsweise wird die Dauer der Flut einmal mit 40 Tagen und einmal mit 150 Tagen angegeben. In der heutigen Textforschung ist man sich ziemlich sicher, dass hier zwei ältere Flutlegenden miteinander verwoben wurden. Auffallend ist auch, dass im Ergebnis der Handlungsverlauf ineinander gespiegelt ist. Der Anfang der Erzählung hat im Ende eine Parallele, und so geht das weiter bis zum chaotischen Höhepunkt des Geschehens, bei dem zugleich auch das Wasser seinen Höchststand hat. Ausgerechnet an diesem Zentrum und Wendepunkt der Geschichte lesen wir: „Und Gott gedachte des Noah.“ Der Schöpfer wendet sich den Menschen zu und beginnt etwas Neues.

In der Mythenforschung gibt es eine Theorie: Je spektakulärer und kreativer der Inhalt einer Erzählung ist, desto zuverlässiger wird sie über lange Zeiträume mündlich überliefert. In einer Zeit vor der Entwicklung der Schrift war das womöglich eine gängige Methode, grundlegende Wahrheiten über tausende von Jahren zu überliefern. Der wahre Kern wurde sozusagen in einen mythischen Inhalt verpackt, um darin für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Mythen überliefern uns grundlegende, wahre (!) Erfahrungen der Vergangenheit, aber nicht in historischen Details. Und die wichtige Lehre, die im Mythos der Urgeschichte steckt, lautet: Gott hält die Welt zusammen.


Zum Weiterlesen

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Verwendete Literatur

[1] z.B. Daniel 1,7 und 2. Könige 24,17
[2] Apollodor, "Bibliotheke", Buch II, 1.7.1 und Ovid, "Metamorphosen", 1. Gesang, Zeile 253ff
[3] Bhagavata Purana, Buch 8, Kapitel 24 und Yves Bonnefoy, "Asian Mythologies", University of Chicago Press, 1993, S. 79-80
[4] William Jenkyn Thomas, "Some myths and legends of the Australian aborigines", Forgotten Books, 2007
[5] James Legge, "The Chinese Classics: The Shoo King, The Canon of Yao", 1879
[6] Hubert Howe Bancroft, „The Works of Hubert Howe Bancroft, Band III, The Native Races: Myths and Languages“, San Francisco 1883, S. 46
[7] Alfred Louis Kroeber, "Anthropological Papers of the American Museum of Natural History", Band I, Teil III: Gros Ventre Myths and Tales", New York 1907, S. 61
[8] Wolfram von Soden, "Der altbabylonische Atramchasis-Mythos", in: Otto Kaiser u.a., "Texte aus der Umwelt des Alten Testaments", Band III, Mythen und Epen II, Gütersloher Verlaghaus, Gütersloh 1994, S. 612-645
[9] "Das Gilgamesch-Epos", übersetzt von Stefan Maul, C. H. Beck Verlag, Mai 2008
[10] Roger Liebi, "Erlöst nach 4151 Jahren. Eine kurze Verständnishilfe zu den Zeitangaben des Alten Testaments", Edition Nehemia, 2015
[11] Genesis Kapitel 9,28+29
[12] Genesis Kapitel 4,24
[13] Thorkild Jacobsen, „The Sumerian King List“, University of Chicago, Seite 217ff, Chicago 1939
[14] Evangelium nach Lukas, Kapitel 3, 23-38
[15] Kenneth Kitchen, "On the Reliability of the Old Testament", Seite 351
[16] Genesis Kapitel 50,22 und Josua Kapitel 24,29
[17] Walter Pitman & William Ryan, "Sintflut – Ein Rätsel wird entschlüsselt", Verlag Lübbe, 1999, S. 326
[18] https://answersingenesis.org/age-of-the-earth/layers-assumption (Abgerufen am 06.03.2020)