
Allein in der Wüste? Das Spiel mit dem Teufel
Gibt es eine finstere Macht in der Welt, die uns heimsucht, wenn das Leben einer Wüste gleicht? Jesu Versuchungs-Geschichte neu durchdacht.
Von Begierde und dem Hochmut des Lebens
Am Anfang des öffentlichen Wirkens von Jesus aus Nazaret steht bekanntlich seine Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer. In einer dramatischen Szene steigt sogleich der Geist Gottes wie eine Taube vom Himmel herab, um in Jesus zu bleiben. Der Himmel öffnet sich und Gottes Stimme erschallt: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matthäus 3,17). Eine Steilvorlage sondergleichen, die zwangsläufig bei den Beobachtern des Diesseits und des Jenseits einige Fragen hervorrufen musste: War dieser ohnehin schon bemerkenswerte Rabbi, der bereits als Zwölfjähriger im Tempel Gottes zu Jerusalem gesessen und mit den Gelehrten diskutiert hatte, jetzt absolut unangreifbar? Welchen Unterschied macht der Geist Gottes noch in ihm? Ist in dem vergänglichen Menschenkörper womöglich fortan der Ewige greifbar? Ist er jetzt so eine Art Über-Mensch, an dem jedes weltliche Bedürfnis abprallt? Oder ist er nach wie vor ein Mensch, der gelernt hat, eine übermenschliche Kraftquelle anzuzapfen?
Es kann kaum ein Zufall sein, dass direkt im Anschluss an die Tauf-Episode die Erzählung von Jesu Fasten in der Wüste steht, die eine Antwort zu geben versucht: Drei Mal wird Jesus mit den grundlegenden Angeboten konfrontiert, die unsere Welt dem sinnsuchenden Menschen bieten kann. Jedes Mal stellt er sein Leben kompromisslos in den Dienst Gottes:
Dann wurde Jesus von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt, um von dem Teufel versucht zu werden; und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn schließlich.
Und der Versucher trat zu ihm hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brote werden! Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ‚Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.‘ [5. Mose 8,3]
Darauf nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.‘ [Psalm 91,11+12] Jesus sprach zu ihm: Wiederum steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.‘ [5. Mose 6,16]
Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfallen und mich anbeten willst. Da spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.‘ [5. Mose 6,13]
Dann verlässt ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herbei und dienten ihm.
Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5, 1-11
Es ist schon bemerkenswert, wie sich Jesus in diesem theologischen Schlagabtausch drei Mal auf die absolute Grundlage des jüdischen Glaubens beruft. Er zitiert die Torah, genauer gesagt das 5. Buch Mose, noch genauer gesagt den Textabschnitt, der das Schma Jisrael enthält, das jüdische Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! […]“ (5. Mose 6,4f). So einfach und klar! Dagegen muss der Teufel einen Abschnitt aus Psalm 91 aus dem Zusammenhang reißen, um ein spektakuläres Auftreten Jesu zu provozieren. Die Story ist ein Musterbeispiel für (in)korrekte Bibel-Auslegung, obwohl das nicht Ziel des Dialogs ist.
Der Teufel verfolgt einen Drei-Punkte-Plan, der alle Aspekte menschlichen Lebens umfasst. Bis heute lässt sich jedes menschliche Bestreben auf diese drei simplen Bereiche reduzieren, die bereits in der Bibel selbst auf den Punkt gebracht sind: „Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt“ (1. Johannes 2,16). Die Brot-Versuchung entspricht der Begierde des Fleisches, die Aussicht auf Weltherrschaft ist die Begierde der Augen, und die Idee, sich als fliegender Iron-Man feiern zu lassen, kann kaum treffender umschrieben werden als mit dem Hochmut des Lebens.
Der Text will klarstellen: Jesus ist ein Mensch. Er kämpft mit menschlichen Mitteln und ist tatsächlich einer Versuchung ausgesetzt. Aber er steht irgendwie über den Dingen, weil er die Torah lebt. Das Wort bzw. der Geist Gottes durchdringt ihn dermaßen, dass jeder menschliche Trieb verstummen muss. Wenn wir ihn sehen, dann sehen wir Gott (vgl. Johannes 12,45).
Vom diabolischen Wesen
An dieser Stelle könnte man textkritisch fragen: Woher wissen wir eigentlich von der Auseinandersetzung? Wenn Jesus allein in der Wüste war und nur mit dem Teufel sprach, wie kam der Text dann ins Matthäus-Evangelium? Jesus müsste seinen Nachfolgern die ganze Geschichte rückblickend erzählt haben. Das allerdings stelle ich mir ein wenig selbstverherrlichend vor. Es passt irgendwie nicht zu dem ansonsten eher bescheidenen Charakter Jesu – obwohl er natürlich seine Autorität nicht leugnete, wenn er beispielsweise im Verhör vor dem hohen Rat darauf festgenagelt wurde (oh, böser Wortwitz).
Und dann ist da noch dieser Teufel. Wer oder was ist das eigentlich? Das Wort kommt vom griechischen diabolos, das bedeutet Verleumder oder Widersacher. Die hebräische Variante davon ist Satan, was sich mit Gegner oder Ankläger übersetzen lässt. Ob es sich dabei um ein mächtiges Individuum der Geistwelt handelt oder lediglich um eine Beschreibung widriger Lebensumstände, ist eine heiß debattierte Frage der modernen Christenheit. Ich denke nicht, dass man eine pauschale Antwort darauf geben kann, die auf alle Bibeltexte anwendbar ist.
Ein Beispiel: Bei einer Gelegenheit machte der spätere Apostel Petrus einen Vorschlag, der Jesu Plänen ganz und gar widersprach. „Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh hinter mich, Satan! Du bist mir ein Anstoß, denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist“ (Matthäus 16,32). Hier meint Jesus wohl keinen alten Erzfeind aus grauer Vorzeit, sondern Petrus, der in dieser Situation mit einem allzu menschlichen Vorschlag zu einem Widersacher göttlicher Pläne wurde. Man muss also von Fall zu Fall abwägen, wer oder was mit Teufel oder Satan gemeint ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es ein geistiges Individuum gibt, das finstere Pläne mit unserer Welt verfolgt. ABER.
Erstens hat dieses Wesen keine eigenständige Macht, sondern darf sich nur in einem Radius bewegen, der ihm von Gott dem Allmächtigen gewährt wird. Die Erzählung im Buch Hiob (Kapitel 1+2) zeigt relativ klar, dass die Menschen zu biblischen Zeiten das auch so sahen. Gott und der Teufel bilden keinen Dualismus mit gleich starken, konkurrierenden Kräften. Der Teufel im biblischen Verstehens-Horizont ist kaum mehr als ein Handlanger.
Zweitens müssen wir, auch wenn es diese Macht gibt, nicht in jedem biblischen Text ihr unmittelbares Eingreifen wittern. Natürlich sollte man ihr Wirken in Betracht ziehen und ernst nehmen: „Seid nüchtern, wacht! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann“ (1. Petrusbrief 5,8). Andererseits sollten wir eigenes Fehlverhalten niemals entschuldigen, indem wir es auf satanische Versuchung schieben. Der Satan macht uns nicht zu bösen Menschen. Im schlimmsten Fall kitzelt er das Böse in uns hervor. Aber die Verantwortung liegt zu 100% bei uns. Unabhängig davon, ob es einen Teufel als Person gibt, ist es hilfreicher für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, in dem Begriff den inneren Schweinehund bzw. ganz natürliche widrige Lebensumstände zu sehen.
Die Karikatur eines Königs
Wie aber ist die Auseinandersetzung zwischen dem Teufel und Jesus in der Wüste dann zu verstehen? Stellen wir uns das mal ganz konkret vor. Der frisch getaufte Gottessohn steigt aus dem Jordanwasser heraus und gewinnt den Eindruck, es sei nun angebracht, eine Fastenzeit einzulegen. Dass er dabei in die Wüste marschiert, liegt nahe. In der Geographie Israels war das keine große Sache; man konnte theoretisch zum Abendessen wieder daheim sein.
Zum Zeitpunkt der Taufe hatte Jesus bereits einige Nachfolger um sich geschart, und wir wissen aus späteren Begebenheiten, dass Jesus nahezu ständig mit Menschen unterwegs war (Matthäus 12,15). Er musste sich der Volksmenge regelrecht entziehen, wenn er einmal Ruhe brauchte. Insofern ist anzunehmen, dass Jesus während einer vierzigtägigen (!) Wüstenzeit zumindest von seinen engsten Jüngern begleitet wurde. Tatsächlich gewinnt man beim Lesen des Bibelabschnitts nur oberflächlich den Eindruck, Jesus sei allein mit dem Teufel. Es steht aber nicht da. Die Szene ist auf das Wesentlichste reduziert und wirkt deshalb total abgehoben und isoliert von Jesu Alltag. Aber die natürlichste Annahme wäre, dass der Rabbi während der Wüstenzeit – wie sonst auch – seine Jünger unterwies und von herbeikommenden Kritikern befragt wurde. Gut möglich, dass die 40 Tage eine geschätzte oder gerundete Angabe sind.
Damit stellt sich die Frage: Was werden die Jünger gesehen haben, als der Teufel herbeitrat? Eine finstere Gestalt in schwarzem Umhang? Eine Schlange? Oder gar nichts? Kann es sein, dass die Widersacher in dieser Geschichte Menschen aus Fleisch und Blut waren, die Jesus gut gemeintes Brot anboten, ihn damit aber vom Fasten abgebracht hätten? Waren es Pharisäer und Schriftgelehrte, die Jesus drängten, ein spektakuläres Wunderzeichen zu vollbringen (vgl. Matthäus 12,39)? Oder eifrige Nachfolger aus der Partei der Zeloten, die gern militärisch gegen die römische Besatzungsmacht vorgegangen wären und Jesus für ihre Sache gewinnen wollten? Weit hergeholt ist das nicht, wo doch die allgemeine Erwartung an den Messias auch die Herrschaft über alle Reiche der Erde beinhaltete (vgl. Jesaja 2,2-4).
Könnte es sein, dass Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens eine Art Orientierungsphase durchmachen musste? Dass er, nunmehr strotzend vor heiligem Geist, erst einmal damit klarkommen musste, Abbild des unsichtbaren Gottes zu sein? Jede Ablenkung vom Fokus auf Gottes Plan muss sich wie ein satanischer Angriff angefühlt haben. Durchaus nachvollziehbar, wenn diese Zeit realer Versuchung von Matthäus rückblickend als komprimierter und stilisierter Dialog wiedergegeben wurde. Es hätte schlicht und ergreifend keinen Sinn gemacht, jedes einzelne Gespräch und jede einzelne Begegnung dieser 40 Tage individuell und historisch akurat festzuhalten.
Darüber hinaus verfolgte Matthäus mit seinem Evangelium ein besonderes Ziel: Er wollte seinen Lehrer als König Israels vorstellen, wenn nicht sogar als den perfekten Israeliten schlechthin. Auffallend betont werden jene Situationen in Jesu Vita, die sich als idealisierte Nacherzählung bzw. Analogie zur Geschichte des Volkes Israel deuten lassen. Jedenfalls springt die Zahl 40 ins Auge – Waren die Israeliten nicht auch 40 Jahre in der Wüste, bevor sie ins Gelobte Land einziehen durften (5. Mose 8,2)? Zuvor hatte Israel als Sklavenvolk auf den Baustellen Ägyptens schuften müssen. Auch Jesus hatte mit seinen Eltern nach Ägypten fliehen müssen, um dem Kindermord durch Herodes zu entgehen. Wie Israel wurde Jesus von Gott „aus Ägypten gerufen“ (Hosea 11,1; Matthäus 2,15). Das Volk konnte schließlich in einem bahnbrechenden Exodus durch das wundersam geteilte Schilfmeer aus Ägypten ausziehen; die Parallele zu Jesu Taufe. Im Anschluss folgt die Wüstenzeit von 40 Tagen bzw. Jahren. Erst danach begann das geschichtsträchtige Wirken Israels bzw. des einen Israeliten Jesus.
Ausblick
Obwohl sich die Versuchungsgeschichte recht natürlich verstehen lässt, nahm Jesus die Existenz dämonischer Mächte im Allgemeinen sehr ernst: „Ich schaute den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Siehe, ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und über die ganze Kraft des Feindes, und nichts soll euch schaden“ (Lukas 10,18). Der Gottessohn rechnete offensichtlich mit einem ziemlich penetranten Einfluss des Satans auf Erden und trieb Dämonen aus, wo immer er welche antraf.
Wir sollten nicht annehmen, Jesus und seine Zeitgenossen seien naiv oder unwissend gewesen, sodass sie in jeder unverstandenen Krankheit (Epilepsie, Schizophrenie, Tics) und jedem unglücklichen Zufall einen Dämon erkannten. Vielleicht hatten sie uns sogar etwas voraus. Sie verstanden es, das Schlechte in uns (Gier, Neid, Krankheiten, …) mit dem Schlechten außerhalb von uns (Kriege, Hungersnöte, Pest, …) zu verbinden und auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen. Zwar ist es am Ende immer noch Gott, der all das Böse zulässt und den obersten Dämon walten lässt. Aber damit wurden die negativen Aspekte unseres Daseins gleichsam in eine Schublade gepackt, mit „Teufel“ beschriftet und als etwas deklariert, das eines Tages aus der Welt geschafft wird: „Und der Teufel, der sie verführte, wurde in den Feuer- und Schwefelsee geworfen […]“ (Offenbarung 20,10). Bis es soweit ist, bleibt das Böse real und bedrohlich. Ob es auch personal ist, kann ich an dieser Stelle nicht abschließend beurteilen.
Wie dem auch sei – das Böse in unseren Gedanken und in der Außenwelt zu erkennen und zu bennenen ist der erste Schritt zum Sieg. Damit verbunden ist die begründete Hoffnung, eines Tages in einer besseren Welt leben zu können. Einer Welt ohne Krankheiten, ohne Dämonen und ohne Wüsten. Mit dem Rabbi aus Nazaret hat es begonnen.